Luxus der Leere

Die allgemeinen Grundzüge der demographischen Entwicklung – Bevölkerungsrückgang, alternde Bevölkerung und zunehmende Konzentration der Bevölkerung in Ballungszentren – sind im öffentlichen Bewußtsein angekommen. Die Bertelsmann-Stiftung hat sich die Mühe gemacht, das Bild der sich abzeichnenden Entwicklung zu konkretisieren. Hierzu hat sie für die fast 3.000 Gemeinden mit mehr als 5.000 Einwohnern eine Cluster-Analyse vorgenommen. Sie stellt für jede einzelne Kommune eine Beschreibung der demographischen Situation bereit, erstellt eine Prognose für die Entwicklung bis zum Jahr 2020 und versucht bestimmte Handlungskonzepte für die Bewältigung des demographischen Wandels zu beschreiben. Der Untersuchung liegt ein Modell mit 15 verschiedenen Demographie-Typen zugrunde, davon sechs großstädtische und neun für Städte und Gemeinden mit bis zu 100.000 Einwohnern. Die Palette reicht von „schrumpfende und alternde Städte mit hoher Abwanderung“ über „schrumpfende Großstädte mit postindustriellem Strukturwandel“ bis hin zu „prosperierende Wirtschaftszentren“. Jede der 3.000 untersuchten Gemeinden ist in dieses Raster eingeordnet. Das Ergebnis ist ein Internet-Portal, in dem für jede Gemeinde die aktuelle demographische Lage, die erwartete Entwicklung bis 2020 und das von den Autoren empfohlene Handlungskonzept abgerufen werden können. Für zusätzlich Übersicht sorgt ein „Kartenmodul“, das die räumliche Verteilung demographischer Effekte veranschaulicht. Schon ein Blick auf dieses Kartenmaterial verdeutlicht: Die demographische Entwicklung begünstigt relativ prosperierende Wirtschaftszentren wie Berlin, Hamburg, München und ihr Umland. Im übrigen Deutschland sieht die Realität anders aus. „Schrumpfende und alternde Städte und Gemeinden mit hoher Abwanderung“ ist fast ein Synonym für mitteldeutsche Kommunen. Siebzig Prozent der dortigen Städte und Gemeinden gehören dieser Kategorie an. Dem stehen zwanzig Kommunen in den alten Bundesländern um den Harz, im Wendland und an der Ostsee gegenüber. Junge und gut gebildete Leute wandern dort ab und beschleunigen so die Vergreisung ihrer Heimat. Im Schnitt wird die Bevölkerung um 13 Prozent zurückgehen, in Einzelfällen um bis zu 40 Prozent. Durchschnittsalter steigt auf mehr als fünfzig Jahre Das Durchschnittsalter wird auf mehr als fünfzig Jahre steigen. Die wirtschaftliche Basis dieser Kommunen ist schwach, die Arbeitslosigkeit hoch, die kommunalen Haushalte sind abhängig von Subventionen. Die Infrastruktur kann von der verbleibenden Bevölkerung nur teilweise erhalten werden. So muß etwa in vielen dieser Kommunen bereits Frischwasser eingesetzt werden, um die technische Funkionsfähigkeit des Abwassersystems zu erhalten. Der öffentliche Nahverkehr ist nicht mehr flächendeckend aufrechtzuerhalten. Dagegen werden einige mutmachende Parolen von „neuen Chancen“ gesetzt. Im wesentlichen dürfte sich der kommunale Handlungsrahmen auf Abriß, Abwicklung und Konzentration auf die Rettung des gerade noch Haltbaren beschränken. Zu den „schrumpfenden Großstädten mit postindustriellem Strukturwandel“ gehören 19 altindustriell geprägte Großstädte, konzentriert in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Sie sind von rückläufiger Arbeitsplatzentwicklung, überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Alterung der Gesellschaft geprägt. Der Bevölkerungsrückgang wird sich dort fortsetzen. Diese Städte haben eine gut entwickelte Hochschullandschaft, gleichwohl eine relativ niedrige Quote qualifiziert Beschäftigter und mit 750 Euro je Einwohner niedrige Steuereinnahmen. Der „Bestand an Erwerbspersonen“ wird weiter abnehmen. Auffällig ist eine Segregation von Zuwanderern der zweiten und dritten Generation – man könnte es auch als Ver-slummung verstehen. Dazu gibt es die altersspezifische Segregation. Wohlhabenden Wohngebieten mit älteren Einwohnern und wenig Kindern stehen solche mit jüngerer, aber deutlich ärmerer Einwohnerschaft gegenüber. Die Autoren der Studie empfehlen, dem Fachkräftemangel durch Qualifizierung älterer Arbeitnehmer und Weiterbeschäftigung jüngerer Senioren abzuhelfen. Weiterhin schlagen sie eine Intensivierung der regionalen Wirtschaftsförderung vor, eine „zukunftorientierte Seniorenpolitik“ und die Konzentration auf besondere Kinder- und Familienfreundlichkeit. Viele der Abwanderer aus den genannten Regionen sammeln sich in den 19 Wirtschaftszentren in süd- und westdeutschen Ballungsräumen und in den sieben „aufstrebenden ostdeutschen Großstädten mit Wachstumspotentialen“. Die leben fast im demographischen Himmel. Relativ junge Altersstruktur, aktuell unterdurchschnittliche Alterung, hoher Akademikeranteil, hohe Einkommen und wirtschaftliche Prosperität zeichnen sie aus. Auf der Gegenseite stehen niedrige Geburtenraten, eine zunehmende Polarisierung von Lebenslagen und Lebensformen und soziale Spaltung. In bestimmten Stadtteilen konzentrieren sich Dauerarbeitslosigkeit, Hilfsbedürftigkeit und Armut, aber auch nichtdeutsche Bevölkerungsteile sammeln sich in gewissen Vierteln. Für die mitteldeutschen Großstädte weisen die Autoren darauf hin, daß es in den Wanderungsmustern seit 1990 mehrere Trendbrüche gegeben hat und Prognosen daher mit Unsicherheiten belastet sind. Die größten Herausforderungen sehen die Autoren für die Wirtschaftszentren darin, der sozialen Spaltung entgegenzuwirken und die Familien- und Kinderfreundlichkeit zu verbessern. Politische Auswirkungen wurden in der Studie entsprechend der Aufgabenstellung nicht thematisiert. Vereinfacht bietet sich das Bild einiger prosperierender Wirtschaftszentren, umgeben von weiten Flächen langsam ausblutender Regionen. Einige Zyniker diagnostizieren für sie eine Situation „funktionaler Irrelevanz“. Andere schwärmen vom „Luxus der Leere“ und „unerschlossenen Möglichkeitsräumen“. Dabei nehmen die Probleme der kleineren Kommunen Mitteldeutschlands die gesamtdeutsche Entwicklung nur um etwa 25 Jahre vorweg. Jugendkult, Mobilitäts- und Wachstumseuphorie gingen der Vergreisung und Verödung voraus und haben sie forciert. Wer nicht betroffen ist, kann darüber vielleicht lachen. Wohnungsleerstand im Osten: Großflächiger Abriß Foto: Picture-Alliance / dpa Im Internet: www.wegweiserdemographie.de

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