Krieg der Knöpfe

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein Staat mit gut ausgebauter Infrastruktur, einem zuverlässigen Rechtssystem, bewohnt von einer ruhigen, mit rationalem, westlich-aufgeklärtem Weltbild versehenen Bevölkerung. So – oder so ähnlich – muß die Modekette Esprit gedacht haben, als die aus dem sonnigen, regenbogenbunten San Francisco stammende Firma ihren Europasitz in Ratingen nahm. Der Glaube an den letzten Punkt dürfte spätestens in den vergangenen beiden Wochen harten Prüfungen ausgesetzt worden sein. Es war die Zeit, als die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft die Aufnahme eines Ermittlungsverfahrens gegen Esprit „wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ prüfte. Gemeint war die verbotene Darstellung eines Hakenkreuzes. Damit verhalf die Staatsanwaltschaft dem Unternehmen zwar zu öffentlicher Aufmerksamkeit, auf die Esprit aber wahrscheinlich lieber verzichtet hätte. Braune Umtriebe beim Weltkonzern? Der Anlaß war in der Tat braun. Genauer gesagt, ein kleiner, brauner Lederknopf, der bereits seit Jahrzehnten produziert und von vielen Modeunternehmen weltweit millionenfach verwendet wird – vor allem für klassische englische Landhausmode. Leichtfertig und naiv, wie sich jetzt herausstellte. Erst ein deutscher Bürger erkannte beim Durchblättern des aktuellen Esprit-Katalogs den wahren politischen Gehalt dieses nur scheinbar harmlosen Knopfes. Und handelte, wie ein deutscher Bürger handeln sollte: er erstattete ohne zu zögern Anzeige. Denn auf der Abbildung einer Damen-Strickjacke ergab das geflochtene Muster des Knopfes – ein Hakenkreuz. Zufall? Tatsächlich kann man „bei bestimmten Lichteinfällen“ ein solches sehen, wie die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft bestätigte. Und nahm die Vorermittlungen gegen Knopf und Katalog auf. Zwar wurden diese nach einer Woche eingestellt, da Esprit „keine absichtliche Verwendung“ nachgewiesen werden könne. Eine politische Unbedenklichkeit der Knöpfe wollte die Staatsanwaltschaft der JUNGEN FREIHEIT gegenüber dennoch nicht attestieren. Esprit hat inzwischen jedenfalls gelernt, daß seine deutschen Kunden wohl doch nicht so ruhig und rational sind. Der Katalog wurde zurückgezogen, und der Vorstands­chef des Weltkonzerns mit fünfeinhalb Milliarden Euro Umsatz, Heinz Krogner-Konalik, gelobte Besserung. Gegenüber dem Kölner Express sagte er, daß die Firma nun eigene, unverdächtige Knöpfe entwickeln wolle und Mitarbeiter nochmals die „politische Korrektheit“ der Produkte überprüfen werden. Was etwas schwierig werden wird, denn wer Zeichen sehen will, der sieht sie eben.

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