Keinerlei rassistische Absicht

Bombenalarm!“ hieß es am Montag in der Redaktion des Pariser Boule-vardblattes France Soir. Alle Mitarbeiter mußten evakuiert worden. Der Grund ist unschwer zu erraten – auch in Frankreich tobt inzwischen der Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen. „Ja, man hat das Recht, Gott zu karikieren“, lautete am 1. Februar die Schlagzeile des France Soir, der als erstes französisches Blatt die zwölf dänischen Zeichnungen nachdruckte. „Der Islam verbietet seinen Gläubigen jegliche Bilddarstellung des Propheten. Aber müssen sich alle Nichtmuslime an dieses Verbot halten?“, fragte das Blatt – und antwortete: „Nein!“ Man fügte aber pflichtschuldigst hinzu, man verfolge „keinerlei rassistische Absicht, keinerlei Willen, eine Gemeinschaft anzuschwärzen“. Die Auflage von France Soir, die einst die Millionengrenze erreichte und nun nur noch 50.000 verkaufte Exemplare beträgt, stieg in den folgenden Tagen um fünfzehn Prozent. Doch wegen des Nachdrucks wurde der Chefredakteur Jacques Lefranc am nächsten Tag fristlos entlassen – weil er es an dem notwendigen „Respekt des Glaubens“ habe fehlen lassen. Das erklärte der ägyptische Besitzer Raymond Lakah, der sich „bei der Gemeinschaft der Muslime und allen Menschen, die wegen dieser Veröffentlichung schockiert oder empört“ seien, entschuldigte. Kapitulation der Republikaner und Laizisten Doch unter der Schlagzeile „Voltaire hilf, sie sind verrückt geworden!“ blieb die Redaktion des France Soir kämpferisch: „Der Fanatismus nährt sich nur aus der Kapitulation der Republikaner und Laizisten.“ Nur einen Tag nach der Entlassung von Lefranc hatte dann auch dessen Interimsnachfolger Eric Fauveau, gleichzeitig Generaldirektor der Verlagsgruppe Presse Alliance, seinen Rücktritt erklärt. Die Entlassung sei „willkürlich und unbegründet“, der Besitzer habe sich nicht in den Inhalt der Zeitung einzumischen. Die Belegschaft verlangte Lefrancs Wiedereinstellung. Er sei nur der „Sündenbock“ und selber sogar gegen die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen gewesen. Die linke Tageszeitung Le Monde brachte in ihrer Freitagsausgabe eine eigene Mohammed-Karikatur ihres Zeichners Plantu auf die Titelseite. Darin entsteht aus Hunderten „Ich darf Mohammed nicht zeichnen“-Sätzen ein schemenhaft erkennbares bärtiges Gesicht. Der Bleistift sieht aus wie ein Minarett, aus dessen Spitze schaut ein Turban-Träger mit einem Fernglas grimmig auf den Text. „Dies ist eine Schande, das ist eine echte Provokation angesichts von Millionen Moslems in Frankreich“, erklärte der Vorsitzende des Moslem-Beirats CFCM, Dalil Boubakeur, der eher als „liberaler“ Geist gilt und durch Präsident Jacques Chirac zu dem Posten gekommen sein soll, gleich nach der Veröffentlichung der Karikaturen in France Soir. Respekt für den Glauben eines jeden Die französische Regierung reagierte zurückhaltend. „Eine übertriebene Karikatur ist mir lieber als eine exzessive Zensur“, erklärte Innenminister Nicolas Sarkozy, den man in eigener Sache auch schon weniger prinzipientreu erlebt hat. Regierungssprecher Jean-François Copé sagte, Frankreich sei der Meinungsfreiheit verpflichtet, aber im „Respekt für den Glauben eines jeden“. Marcel Gauchet von der Zeitschrift Le Débat unterstrich die Unverhältnismäßigkeit der Reaktionen auf Karikaturen, die unbestreibar respektlos, aber in der von einem „antireligiösen Laizismus“ geprägten öffentlichen Meinung leider üblich seien. Bislang ist es aber in Frankreich insgesamt überraschend ruhig geblieben, speziell wenn man an den hohen muslimischen Bevölkerungsanteil und die Banlieue-Unruhen vom letzten Herbst denkt (JF 46/05). Auch im Ausland kam es bislang nicht zu Übergriffen auf französische Einrichtungen – vielleicht dank der guten diplomatischen Kontakte. Während am Samstag in der syrischen Hauptstadt Damaskus mehrere tausend Demonstranten das dänische und norwegische Botschaftsgebäude in Brand setzten, blieb die französische Vertretung verschont – die Randalierer wurden aber von der syrischen Polizei aufgehalten.

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