Joachim Kuhs

 

Ein Befreier

Michail Gorbatschow feierte seinen 75. Geburtstag am 2. März ganz privat, im Freundeskreis. Und der befindet sich fast ausschließlich außerhalb seiner russischen Heimat, denn dort ist er bei der Mehrheit eine Haßfigur. Speziell in Deutschland ist der Friedensnobelpreisträger 1990 noch immer hoch angesehen, weil er maßgeblich am Gelingen der Wiedervereinigung beteiligt war. 2005 erhielt der letzte Präsident der Sowjetunion dafür zusammen mit Ex-US-Präsident George Bush und Altbundeskanzler Helmut Kohl den Point-Alpha-Preis für „Verdienste um die Einheit Deutschlands und Europas in Frieden und Freiheit“. „Gorbatschow hatte viel mehr bewirkt als seinerzeit Nikita Chruschtschow“, findet Julia Tscharnjauskaja aus dem weißrussischen Minsk. „Gorbatschow war unser Retter, er beseitigte unsere allumfassende Angst und vernichtete die Verlogenheit und Lügen sowie die gemeinen Spielregeln, nach denen wir so lange zu leben hatten.“ Gorbatschow wollte die Sowjetunion in einen Staat verwandeln, der auf der internationalen Bühne nicht mehr peinlich geworden wäre, so die 40jährige Kulturologiedozentin. Gorbatschow habe den Eisernen Vorhang beseitigt und mit dazu die für alle geltenden Orientierungen, als Folge habe er auch das gesamte totalitäre System vernichtet und zwangsläufig ein Chaos geschaffen, darunter auch das Chaos in den Köpfen der Menschen. So urteilt die Mehrheit der Intelligenzija – egal, in welcher Ex-Sowjetrepublik sie leben. Mit Glasnost und Perestroika hat Gorbatschow der jahrzehntelangen Entmündigung ein Ende bereitet. Verbotene Bücher und Filme der „schwarzen Liste“ wurden frei gelesen und öffentlich diskutiert. Doch für den Durchschnittsbürger fiel Gorbatschows Machtantritt 1985 mit dem endgültigen wirtschaftlichen Chaos zusammen. Nach der Stagnation der Bereschnew-Zeit offenbarte sich der totale Mangel an Verbrauchsgütern, angefangen von Zucker und Käse bis hin zu Seife und Damenstrümpfen. Stundenlanges Schlangestehen und Marken für rationierte Mangelwaren gehörten zum Alltag. Und 1991 erfolgte unter Gorbatschow der Zusammenbruch der Sowjetunion – für die Balten und die Westukrainer brachte er die ersehnte Unabhängigkeit. Doch „für das russische Volk war er ein Drama“ und „geopolitisch die größte Katastrophe des Jahrhunderts“, befand Wladimir Putin 2005 und sprach damit aus, was viele Russen denken. 2004 hielten 53 Prozent Gorbatschow für „mehr schaden- als nutzenbringend“. 28 Prozent stuften ihn als „eindeutig negativ“ ein. 2006 sehen aber bereits 28 Prozent der Russen in der Perestroika „mehr Positives als Negatives“. Je besser es den Menschen finanziell geht, desto gelassener würden sie die neuere Geschichte und damit auch Gorbatschow bewerten, meint Nikolaj Petrow vom Moskauer Carnegie-Zentrum. Allerdings sei der wirtschaftliche Erfolg im beträchtlichen Maß durch die hohen Weltmarktpreise für Öl bedingt, so Petrow. Dennoch dürfte es in Rußland noch eine Weile dauern, bis man dem Vater der Perestroika und des neuen Denkens ein Denkmal setzen wird. In der Ukraine wurde vor ein paar Jahren eine solche Idee diskutiert. Vertreter der liberalen Jabluko-Partei initiierten ein Denkmal für den „Befreier Michail Gorbatschow, der dem Kommunismus einen tödlichen Schlag verpaßte“. Daran, daß aus diesem Projekt bisher noch nichts wurde, ist weniger ein Gesinnungswandel schuld, sondern vielmehr die politischen Wirren, in denen sich die Ukraine bis heute befindet. Foto: Gorbatschow

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