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„Beträchtlicher Rechtfertigungsdruck“

Die Einschätzung des Islam hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren immer weiter verschlechtert. Grund hierfür ist „die massive Zunahme der Auseinandersetzung mit dem Islam und den Muslimen im Kontext von Terrorismus“. Eine antimuslimische Stimmung auf breiter Front gibt es allerdings nicht. Dies ist das Ergebnis der in der vergangenen Woche veröffentlichten Studie „Zur Wahrnehmung des Islams und zur sozio-kulturellen Teilhabe der Muslime in Deutschland“ des Zentrums für Türkeistudien. Die Studie geht der Frage nach, wie sich die veränderte Diskussion um den Islam zwischen 2000 und 2004 auf das Zusammenleben zwischen Muslimen und Deutschen ausgewirkt hat. Dabei wurden die Protokolle des Deutschen Bundestages, Artikel im Spiegel und der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, eine Repräsentativbefragung der türkischstämmigen Bevölkerung in den Jahren 2000 und 2005 sowie Diskussionen mit Vertretern der islamischen Verbände ausgewertet. Nach Ansicht der Autoren markieren die Anschläge des 11. September 2001 im Zusammenleben von Deutschen und Muslimen keinen Wendepunkt. Vielmehr sei der Zusammenhang zwischen Islam und Terrorismus „längst vorher etabliert“ gewesen, wenn auch in geringerem Ausmaß. Jedoch habe vorher ein eher ausgewogenes Bild vorgeherrscht, wobei es jedoch auch damals schon ein deutliches Fremdheitsempfinden gegenüber den Muslimen gegeben habe. Der Hauptgrund für die jetzt immer negativer werdende Sicht des Islam in der deutschen Bevölkerung sei vor allem die zunehmende „inoffizielle“ Diskussion, die sich auch in negativer Berichterstattung niederschlage. Damit ist der Untersuchung zufolge ein „beträchtlicher Rechtfertigungsdruck“ für den Islam entstanden, „den die Muslime individuell als (eher abstrakte) Belastung des Zusammenlebens in Deutschland empfinden, indem sie außerhalb Deutschlands stattfindende Konflikte über die eigene Zugehörigkeit zum Islam auch vermehrt auf sich beziehen“. Hinzu komme, daß die Muslime zu diesem ihnen aufgezwungenen Diskurs über Islam und Terrorismus bislang keinen zufriedenstellenden Zugang gefunden hätten, während die Diskussion um integrationspolitische Fragestellungen immer restriktiver geführt werde. Wandel des gesellschaftlichen Klimas Eine wichtige Rolle kommt nach Ansicht von Projektleiter Dirk Halm auch der medialen Vermittlung des Konfliktes zwischen den Kulturen oder Religionen zu. So wie dies derzeit geschehe, führe es zu einer negativen Erwartungshaltung der (türkischen) Muslime in Deutschland, die aber keineswegs den Alltagserfahrungen der Befragten entspricht. Ganz im Gegenteil gestaltet sich das Zusammenleben nach eigenem Empfinden eher konfliktarm. So gaben bis zu 90 Prozent der befragten Muslime an, auf Verständnis für ihren Glauben zu stoßen. Dieses insgesamt veränderte gesellschaftliche und politische Klima hat sich Halm zufolge auch negativ auf die „Artikulation und Durchsetzung muslimischer Intereressen“ ausgewirkt, ebenso wie auf die Möglichkeit, selbst Einfluß auf den Islamdiskurs zu nehmen. Dies sei mittlerweile unübersehbar. Zwar könnten sich die muslimischen Organisationen in der öffentlichen Debatte auch weiterhin äußern. Dabei würden sie aber gezwungen, Probleme zu thematisieren, die von der öffentlichen Diskussion definiert würden. Ein Beispiel hierfür seien die Vorgänge um die Karikaturen des Propheten Mohammed, die im Februar 2006 von Dänemark ausgingen und zu zum Teil massiven antiwestlichen Protesten in der islamischen Welt geführt haben. Der Umstand, daß dänische Imame ihre Empörung über eine dänische Zeitung in den Nahen und Mittleren Osten trugen, kann der Studie zufolge auch als Folge mangelnden Zugangs zur öffentlichen Diskussion in Dänemark interpretiert werden, also eine ähnliche Entwicklung, wie sie sich hierzulande abzeichne. Erst über den Umweg über das Ausland habe es auch in den europäischen Medien eine umfassende Darstellung der Ansicht der Muslime gegeben. Dadurch drohe aber die Gefahr, daß gegenseitige Vorurteile gestützt und zu einer Belastung für das Zusammenleben werden. Obwohl die Untersuchung noch nicht die Auseinandersetzung um die Mohammed-Karikaturen, die Berichterstattung hierüber und die Reaktionen der Muslime in Deutschland berücksichtigt, deutet sich Halm zufolge schon eine weitere Gefahr an: In dem Maße, in dem Kritik am Islam und an den Muslimen wachse, nehme die Selbstkritik der deutschen Gesellschaft hinsichtlich von Versäumnissen in der Integrationspolitik ab. Damit werde die Verantwortung für Desintegration auf die Zuwanderer verlagert. Es sei zu befürchten, so Halm, daß Maßnahmen zur Verbesserung der gesellschaftlichen Chancengleichheit durch (ungerechtfertigte) Schuldzuweisungen verdrängt werden.

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