Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Australisches Interessengebiet

Nach wochenlangen gewalttätigen Ausschreitungen, in deren Verlauf mindestens 21 Menschen starben, trat am 26. Juni Premierminister Mari Alkatiri zurück. Er hatte im April mit großer Härte auf den Streik von etwa 600 Angehörigen der 1.400 Mann umfassenden osttimoresischen Armee reagiert: Er hatte die Streikenden entlassen und so eine bürgerkriegsähnliche Situation ausgelöst. Als Generalsekretär der Regierungspartei Fretlin hatte sich Alkatiri auf die größte Massenorganisation des Inselstaates zu stützen vermocht – ungeachtet dessen, daß sich Osttimors Staatsoberhaupt Xanana Gusmão den Rücktrittsforderungen gegen einen Premier angeschlossen hatte, dem auch zur Last gelegt wird, in der Bekämpfung politischer Gegner auf „Todesschwadronen“ zurückgegriffen zu haben. Die Revolutionäre Front für ein unabhängiges Osttimor (Fretlin), die im November 1975, nach dem Rückzug Portugals aus seiner „Überseeprovinz“, die Unabhängigkeit Osttimors deklarierte, stellt heute 55 von 88 Abgeordneten des osttimoresischen Parlaments. Abgesehen von der prekären sozio-ökonomischen Lage birgt vor allem eine regional-historische Bruchlinie politischen Sprengstoff: Die im Osten Osttimors beheimateten Firaku legen nach wie vor Wert darauf, daß ihre Region zwischen 1975 und 1999 das Zentrum des ungebrochenen bewaffneten Widerstandes der osttimoresischen Unabhängigkeitsbewegung gegen die indonesische Okkupation darstellte. Spannungen zwischen den Firaku und den Kaladi Ihnen gelten die Kaladi, die West-Osttimoresen, aus deren Reihen die indonesischen Besatzer vielfach Polizisten rekrutieren konnten, als national unzuverlässig, weshalb die Übernahme von Kaladi in die polizeilichen Strukturen des neukonstituierten osttimoresischen Staates insbesondere bei Veteranen des anti-indonesischen Befreiungskampfes auf Mißfallen stieß. Alkatiri, der in den Verhandlungen über eine Ausbeutung der Erdöl- und Erdgasbestände in der Timorsee keine Bereitschaft zeigte, sich einem australischen Diktatversuch zu beugen, und der an engen Beziehungen zu China und Europa festzuhalten bestrebt ist, wurde bei australischen Befürwortern eines verstärkten Engagements des „fünften Kontinents“ in Osttimor als unbelehrbarer „marxistischer“ Potentat gehandelt, mit dessen politischer Kaltstellung eine Hauptursache der politischen Krise beseitigt wäre. Eine solche Kaltstellung sowie die Ermöglichung einer strafrechtlichen Verfolgung des Premiers hatte sich die Galionsfigur der Rebellion gegen Alkatiri, Ex-Marinechef Alfredo Alves Reinado, auf die Fahnen geschrieben. Australien steht im Verdacht, seinen Putschversuch zu begünstigen. Wenn Australiens rechtsliberaler Regierungschef John Howard der Regierung Alkatiri unlängst öffentlich eine schlechte Führung bescheinigte, so bestätigte diese Stellungnahme keineswegs nur aus der Sicht von Fretlin-Anhängern die Vermutung, dem südlichen Nachbarstaat sei es um eine Schwächung des – in der Fretlin verkörperten – osttimoresischen Souveränismus bestellt: Auch Portugal forderte Australien dazu auf, sich nicht in Osttimor einzumischen. Australien ist im Rahmen einer internationalen Schutztruppe in Osttimor präsent, die aus der Interfret-Mission des Weltsicherheitsrates hervorging, durch welche 1999 der Rückzug der Besatzungsmacht Indonesien sichergestellt und der Aufbau eines unabhängigen Staates Osttimor gewährleistet werden sollte. Erste Bewährungsprobe seit der Unabhängigkeit 2002 Australien war übrigens schon während des Zweiten Weltkrieges an Osttimor interessiert. Um dort Fuß fassen zu können, mißachtete es die Neutralität Portugals und setzte so das Territorium einer japanischen Militärinvasion aus. Der folgende Guerillakrieg, den die osttimoresische Bevölkerung zusammen mit einem kleinen australischen Kontingent gegen Japan führte, kostete über 40.000 Osttimoresen das Leben. Auch angesichts einer solchen Waffenbrüderschaft erschien es Osttimoresen wie dem Fretlin-Politiker José Ramos-Horta als Ausdruck einer ausgesprochen zynischen „Realpolitik“, daß Australien – als einzige „westliche“ Demokratie – 1978 die Annexion Osttimors durch Indonesien de jure anerkannte. Diese Rechtsposition stand in einem diametralen Gegensatz zu der vorangegangenen Entscheidung derselben Regierung von Malcolm Fraser, die australische Anerkennung der sowjetischen Annexion der Balten-Republiken zu revidieren. Zwischen dem militärischen Einfall Indonesiens in Osttimor am 7. Dezember 1975 und der ausdrücklichen Anerkennung dieser Territorialerweiterung durch Australien waren zwischen 100.000 und 200.000 Osttimoresen einer genozidalen Okkupationspolitik zum Opfer gefallen. Erst die 1996 konstituierte Regierung Howard war zum Umdenken beriet. 1999 zog sich Indonesien schließlich auf internationalen Druck zurück, und 2002 konnte Osttimor die Unabhängigkeit ausrufen – die nun vier Jahre später ihre erste Bewährungsprobe hat. Denn auch Außen- und Verteidigungsminister José Ramos-Horta und Verkehrsminister Ovídio de Jesus Amaral reichten jetzt ihren Rücktritt ein.

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