Sorgen um Mutti

Ein wenig war es wie bei einer Oscar-Verleihung, bei der ein Favorit glaubt, den Preis ganz sicher entgegennehmen zu dürfen: Wird von der Jury dann überraschenderweise ein anderer zum Sieger ausgerufen, so gibt es mitunter sehr lange Gesichter. So auch am Wahlabend bei der CDU im Konrad-Adenauer-Haus am Lützowplatz in Berlin-Tiergarten. Als das Wahlergebnis bekanntgegeben wird, verwandelt sich die siegesgewisse Zuversicht der Party-Gäste schnell in ohnmächtige Trauer und zerknirschte Wut. Plötzlich ist es totenstill auf den Gängen und Fluren der CDU-Geschäftsstelle. Viele glauben, eine verunglückte Umfrage zu sehen statt der ersten ARD-Prognose. Seit Tagen ist die Wahlparty vorbereitet worden: Zwischen der CDU-Zentrale und dem Landwehrkanal ist die Straße gesperrt, auf einer Brücke über den Kanal ein Partyzelt aufgebaut. Trotz Einlaßkontrolle kann im Grunde jeder rein: Es gibt keine Sicherheitskontrolle, selbst über den Personaleingang gelangen Besucher auf das Unionsfest. Grund genug für ein RTL-Boulevard-Magazin, am nächsten Tag darüber zu berichten, wie man sich am besten „umsonst den Bauch vollschlagen kann“. Es gibt Bouletten mit Senf und Mini-Pizzen – für die normalen CDU-Gäste. Stoiber strahlt wie Tschernobyl Journalisten und VIP-Gästen servierten die Christdemokraten in den oberen Stockwerken zusätzlich andere Leckereien – darunter Currywurst. Die gibt es auch bei der SPD, weil sie als Lieblingsgericht des Kanzlers gilt. Dazu werden hüben wie drüben Zigaretten von einem Tabakkonzern verschenkt. Bei der Blitz-Analyse der anwesenden CDU-Freunde dominieren zwei Kernaussagen: Kirchhof wurde von Freund und Feind in einer Weise demontiert, die sich negativ auf das Ergebnis ausgewirkt habe. Eine Frau mittleren Alters bringt die andere Ursache für die Wahlniederlage auf den Punkt: „Die Mehrwertsteuer-Erhöhung ist schuld. Wie konnte die Parteispitze nur noch höhere Steuern vor der Wahl versprechen?“ fragt sie fassungslos. Als Angela Merkel wenig später vor die Kameras tritt, gelingt es ihr gerade so, die Tränen zu unterdrücken. Die Mundwinkel nach unten gerichtet, bekräftigt sie ihren Anspruch auf die Kanzlerschaft – basierend auf der Tatsache, daß man ja „stärkste Kraft in Deutschland“ geworden sei. Neben ihr strahlt Edmund Stoiber wie Tschernobyl nach dem GAU. Die Anhänger bleiben indes ratlos zurück. Und auch die Organisatoren in der Unionszentrale finden nur noch ein einziges Mittel, um ihrer Wut über das zweitschlechteste Abschneiden seit 1949 Ausdruck zu verleihen: Als SPD-Chef Franz Müntefering auf dem ARD-Live-Bildschirm erscheint, wird der Ton abgedreht. „Armselig“, urteilt ein Journalist von der Deutschen Welle über diese Form des „Mundtot-Machens“. Bei den Grünen war unterdessen bereits am Sonntagabend zu erleben, was die Parteibasis von der sogenannten Jamaika-Koalition hält, die seit Tagen in aller Munde ist, aber von der am Sonntag keiner der zahlreichen Gäste auf der Grünen-Wahlparty im Hangar 2 des Flughafens Tempelhof auch nur etwas ahnte. Wann immer auf der Großbildleinwand ein Politiker der CDU oder der FDP erschien, erklangen laute Unmutsäußerungen des Publikums. Diese steigerten sich zu einem wahren Orkan, als Roland Koch ins Bild kam und mit starrer Miene den Wahlausgang kommentierte. Bejubelt hingegen wurde Guido Westerwelle – allerdings nur weil er, kaum war er auf der Leinwand erschienen, von der geistesgegenwärtigen Regie der Wahlparty zugunsten einer neuen Hochrechnung im ZDF ausgeblendet wurde. Die Anhänger der Grünen quittierten den medialen Abgang des politischen Erzfeindes mit Gejohle und Häme. „Mutti ist jetzt natürlich traurig“, kommentierte ein Besucher der Wahlparty das Abschneiden der Union im Gedanken an seine CDU-nahe Mutter, während Parteichef Reinhard Bütikhofer die Anhänger wissen ließ, daß die Prognosen ein „saugeiles Gefühl“ seien. Die Liberalen waren zu diesem Zeitpunkt verständlicherweise ebenfalls bester Stimmung. Zwar konnte man in der Parteizentrale in Berlin-Mitte auch keine feststehenden Regierungsbeteiligung feiern, dennoch gab sich die erlesene Gästeschar schnell einer sekt- und bierseligen Laune hin. Obwohl im Laufe des Abends die Situation in Richtung eines Mandatepatts an Spannung gewann, konnten politisch Interessierte die Berichterstattung nur noch im Pressebereich verfolgen. Die Nachrichten an vielen Bildschirmen im Attrium gingen genauso in der lauten Diskomusik der achtziger Jahre unter wie die glücksdrogenberauschte Rüpelei des Kanzlers in der „Elefantenrunde“. Unterbrochen wurde die Ausgelassenheit einzig durch den Auftritt des Parteichefs Guido Westerwelle, dessen umgebender Pressepulk geradewegs durch das tanzende Volk auf eine engagierte Gruppe von Jungliberalen zusteuerte, welche dann ganz artig etwas Selbstgereimtes zum besten gaben. Nach dieser Störung wurde die Zapffrequenz erhöht und die Musik lauter gedreht – die FDP war nun wieder ganz auf Spaß eingestellt.

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