Joachim Kuhs

 

Widerstand in der Tradition von Demosthenes

Vor zwei Wochen brachte die griechische Küstenwache vor der Halbinsel Peloponnes einen unter nordkoreanischer Flagge fahrenden Frachter mit 77 illegalen Einwanderern und fünf Schleusern auf. Die Schleuser wollten die Illegalen aus Ägypten an einem einsamen Strand nahe der Hafenstadt Pylos an Land bringen. Der georgische Kapitän und die Besatzung wurden festgenommen. Solche Berichte über die Aufbringung von Schiffen mit illegalen Einwanderern gehören seit Jahren zu den Standardmeldungen der griechischen Medien. Wegen der vielen Inseln beträgt die Küstenlänge Griechenlands über fünfzehntausend Kilometer. Ihre Überwachung ist trotz des ständigen Einsatzes der Küstenwache nur lückenhaft möglich. Meistens kommen die Illegalen über den kurzen Seeweg aus der Türkei, seltener direkt aus Ägypten oder Syrien. Die aufgebrachte Schiffe werden beschlagnahmt – doch damit erschöpft sich die Strenge der griechischen Behörden. Über eine Million illegal eingewanderte Muslime Die Illegalen sind zumeist ausgehungert, erschöpft, krank und verelendet. Sie müssen daher zunächst versorgt werden. Dann laufen die Mühlen der Bürokratie an: Feststellung der Personalien und des Ortes ihrer Einschiffung zur Rückführung. Meistens verweigert der betreffende Staat aber die Bestätigung der Angaben und lehnt deshalb eine Rückführung ab. Es folgt dann die Benachrichtigung der UN-Flüchtlingsbehörde, diese fragt, wer sie haben will – meistens keiner. Also bleiben sie im Land – oder ziehen weiter nach Mittel- und Nordeuropa. Inzwischen vertreten daher nicht nur „Verschwörungstheoretiker“ die These, die Türkei lasse das Ablegen solcher Schiffe zu, um das islamische Element in Europa zu stärken. Gegenargumente werden mit dem Hinweis pariert, Schiffe seien keine kleinen Pakete, kein Schiff könne verladen und ablegen ohne das Wissen der Hafenbehörde. Doch ganz so einfach ist es nicht. Laut seriösen Schätzungen leben derzeit in Griechenland bereits über eine Million illegal eingewanderte Muslime. Doch über vier Fünftel davon sind Albaner – und die haben nach 45 Jahren Kommunismus zumindest vorerst noch keine ausgeprägte religiöse Identität. Viele lassen sich sogar orthodox taufen -zumindest ihre hier geborenen Kinder. Doch es gibt auch asiatische und afrikanische Muslime, meistens Araber, aber auch Pakistaner, Inder, neuerdings auch Afghanen. Deren Islamverständnis ist ein völlig anderes. Sie wollen sich nicht assimilieren. In Athen leben inzwischen schon um die hunderttausend von ihnen, einschließlich des Personals der Botschaften. Die ersten muslimischen „Gastarbeiter“ kamen Anfang der siebziger Jahre – als viele Griechen ihrerseits im EWG-Europa arbeiteten. Griechenlands „Gastarbeiter“ waren Ägypter und reisten legal ein. Ein griechischer Reeder und Hotelbesitzer ließ auf dem Dach eines der renommiertesten Hotels von Athen sogar eine kleine Moschee bauen. Sie war allerdings für seine Hotelgäste bestimmt, reiche Geschäftsleute vom Golf. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre wandten sich dann die Saudis mit einer Bitte an die griechische Regierung: eine „der schönsten, größten und teuersten Moscheen der Welt in Athen zu bauen“. Doch wer sollte den Moscheebau bezahlen? Man kam auf die Idee, den Öl-Emiren vom Golf die griechischen Banken als Deposit- und Transferbanken anzubieten. Es sollen damals auch Verhandlungen über arabische Investitionen in die Touristik-Branche geführt worden sein. Ob diese Idee mit dem Bau einer Moschee im Zusammenhang stand, ist nicht sicher. Fest steht nur, daß etwa zeitgleich Meldungen über den bevorstehenden Zufluß von „Hunderten Millionen arabischen Dollar“ und über die Suche eines geeigneten Grundstücks für den Bau einer Moschee kursierten. Doch der damalige Ministerpräsident Konstantinos Karamanlis von der konservativen Partei Nea Dimokratia sprach sich schließlich gegen den Bau einer Moschee in Athen aus. Die ursprünglich für Athen vorgesehene Moschee wurde dann in Rom gebaut, die großen Hotels dagegen in der Türkei. Mit der islamischen Revolution im Iran 1979 wurde eine Re-Islamisierungswelle ausgelöst, die inzwischen auch bis nach Europa einwirkt. Nach dem Ende des Schah-Regimes und dem „Abfall“ Teherans setzten die USA notgedrungen auf die Ölscheichs in Saudi-Arabien, um ihre Position am Golf zu halten -Riad wollte Gegenleistungen. Der jugoslawische Bürgerkrieg ab 1991 tat ein übriges. Die meisten Westeuropäer übersahen – aus welchen Gründen auch immer – die neuen Moscheen und die hohen Minarette, die bald aus dem kriegszerstörten Boden in Bosnien schossen. Riad wußte hingegen auch genau, was es in Ex-Jugoslawien wollte: einen muslimischen Staat in Europa. Diese Bitte konnten (und wollten?) die USA nicht abschlagen. Die griechischen Medien berichteten aufgeregt darüber – aber das wurde angeblich alles von Orthodoxen geschrieben, die bekanntlich Freunde der serbischen Glaubensbrüder seien. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre tauchten nun in der Presse erneut Meldungen über einen geplanten Moscheebau in Athen auf. Die Proteste blieben zunächst verhalten. Und diesmal hatten die Moschee-Aktivisten in Athen ganz neue Fürsprecher – das Internationale Olympische Komitee (IOC). Die muslimischen Teilnehmer der Olympiade 2004 bräuchten unbedingt eine Moschee – sonst könnte die Olympiade in Gefahr geraten. Also begann die Suche nach einem Grundstück für die Moschee in Athen. Aber keine der um die Hauptstadt liegenden Gemeinden will sie haben. Schließlich entschied sich die griechische Regierung ausgerechnet für Päania, zwanzig Kilometer vom Zentrum Athens entfernt. Doch Päania hat kaum muslimische Einwohner – und die Päanier wollen die Moschee nicht: Das Minarett werde höher als die Glockentürme der Stadt ragen, der Verkehr sei ohnehin überbelastet, weil der Flughafen von Athen in der Nähe liegt. Die Argumente klingen bekannt und könnten auch aus Deutschland stammen – die Europäer haben, oft ohne es zu wissen, vielfach die gleichen Probleme. Inzwischen drohen die Päanier der sozialistischen Regierung wortgewaltig erbitterten Widerstand an – und bemühen dabei sogar den antiken Rhetoriker und Politiker Demosthenes (384 – 322 v. Chr.), den größten Sohn der attischen Stadt Päania (Paiania). Berühmt war Demosthenes für seine Philippischen Reden (Philippikai), in denen er zum Widerstand gegen Philipp II. von Makedonien aufrief. Doch bis 7. März befindet sich Griechenland im Wahlkampf. Unpopuläre Maßnahmen werden daher auf Eis gelegt. Danach könnten in der Tat die Schlachten zwischen Päaniern und der Polizei beginnen – denn wie in Deutschland setzen die griechischen Sozialisten inzwischen auch auf die Stimmen der Muslime. Giorgios Papandreou, Spitzenkandidat der regierenden Pasok, warb letzte Woche im ostgriechischen Thrakien auch um die Stimmen der türkischen Minderheit. Der derzeitige Außenminister versprach: „Wir werden in Richtung auf ein multikulturelles Griechenland fortschreiten“. Nicht ohne Hintersinn – schon beim knappen Pasok-Wahlsieg vor vier Jahren haben die 130.000 wahlberechtigten Muslime in Griechenland (zumeist Türken und Pomaken) eine wichtige Rolle gespielt – und die oppositionelle konservative Nea Dimokratia liegt derzeit in Wahlumfragen vorn. Doch egal, wie die Wahl ausgeht – ganz sicher wird die Zeit danach nicht mehr reichen, um die Moschee bis zu Beginn der diesjährigen Sommer-Olympiade (13.-29. August) fertigzustellen. Beginnt der Moscheebau nicht vor der Olympiade, so werden die Päanier die folgenden Schlachten mit der Polizei wohl „gewinnen“, denn sie werden Verstärkung – nicht nur aus der Provinz Attika – bekommen. Der Widerstand gegen die Anfänge einer Re-Islamisierung ist auch historisch erklärbar: Griechenland war über drei Jahrhunderte unter osmanisch-islamischer Herrschaft. 1821 begann ein Freiheitskampf gegen die Fremdherrschaft – erst 1830 entstand Griechenland wieder als selbständiger Staat. Auch die Vertreibung der Griechen aus Kleinasien und Ostthrakien durch die Türken 1923 ist noch immer im Bewußtsein. Und bis in die jüngste Zeit war das Verhältnis zur Türkei angespannt – nicht nur wegen des Zypern-Konfliktes. In Brüssel wird seit Jahren ein Beitritt des islamischen Nachbars zur EU diskutiert – alles Themen, die von den Moschee-Gegnern wohl auch in die Diskussion gebracht werden.

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