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Verblendetes Harakiri“ nannte kürzlich der bekannte Historiker Hans-Ulrich Wehler das Projekt des EU-Beitritts der Türkei. Sein Kollege Heinrich-August Winkler ist der gleichen Meinung; beide stehen politisch im SPD-Lager. Offensichtlich sind Historiker – im Gegensatz zu nicht selten historisch analphabetischen Politikern – sensibel bei politischen Entscheidungen dieser geschichtlichen Größenordnung. Johann Gottfried Herder hatte schon in seinen „Briefen zur Beförderung der Humanität“ vor 200 Jahren im Blick auf Napoleons französisches Europa vor der „wilden Vermischung der Menschengattungen und Nationen unter einem Zepter“ gewarnt. Und in unseren eigenen Tagen haben wir die Erfahrung des Untergangs multikultureller Zwangsgebilde wie der Sowjetunion und des einst in Versailles zusammengebastelten Jugoslawien nach sechzig, siebzig Jahren ihres Bestehens gemacht. Aber was braucht das die europäischen politischen, ökonomischen und medialen Klasen zu scheren bei ihrem Türkei-Projekt, das sie auf dem Rücken und gegen die Interessen der schon genug gebeutelten Europäer – koste es, was es wolle – durchpeitschen wollen? Dieses eigentümliche Bündnis turbokapitalistischer Chicago-Boys mit den Jakobinern von 1968 ff. beiderseits des Atlantik (Harald Seubert) ist natürlich ruppig gegenüber den Eigenen, die nicht gefragt werden, und geradezu unterwürfig gegenüber Ankara, getreu ihrem eigenen Dogma des Kampfes gegen „Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“, dessen Keulen sie gegen die Abweichler schwingen. Betrachtet man des Islamisten Erdogan Mienen genauer, so blickt er manchmal fast ungläubig, was denn in diese europäischen Eliten gefahren sein mag, daß sie geradezu zwanghaft drauf und dran sind, Moslems und Türken in Europa ein warmes Bett zu bereiten. Ihre Abgehobenheit, Realitätsferne und Volksfremdheit findet im Brüsseler Beschluß ihren vorläufigen Höhepunkt. Und der türkische Regierungschef wird denken: Wenn sie unbedingt ein islamischen Europa wollen, mir soll’s recht sein. Wie sagen die antiken Griechen, die ersten Europäer, als sie bei Marathon und Salamis Europa gegen Asien verteidigten? „Wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit“. Und da sind wir wieder bei den Historikern, deren „Berufsethos“ es ist, aus der Geschichte zu lernen. Vermutlich werden sie gegen die Politiker wieder einmal recht behalten – leider. Prof. Dr. Klaus Hornung lehrte Politikwissenschaften an der Universität Hohenheim.

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