Unser Führerschein ist der beste und teuerste der Welt

Die Republikaner des Jahres 2004 haben mit der Partei von 1989 nicht mehr viel gemein. Damals errangen die Republikaner ihren größten Erfolg: den Einzug ins Europaparlament mit sieben Prozent der Stimmen. Seinerzeit waren sie ständig in den Medien präsent. Sicherlich wurden sie gehörig verunglimpft, aber heute werden sie nicht einmal mehr wahrgenommen. Selbst die Antifa ist kaum mehr zu motivieren, gegen die „Reps“ zu demonstrieren. Als am vergangenen Sonnabend die Auftaktveranstaltung ihres Europa-Wahlkampfes stattfand, schützte die Polizei das Rathaus Wedding. Die Polizisten standen da wie bestellt und nicht abgeholt angesichts eines Dutzend gelangweilt auf den Bänken vor dem Rathaus lungernder Punker. Im Rathaus hielt Ursula Winkelsett ihre neunzigminütige Wahlkampfrede. Sie begann ihren Vortrag mit dem Verweis darauf, daß der Wedding ein sozialer Brennpunkt sei. Dieser Bezirk sei der Beweis dafür, daß „wir keine weitere Zuwanderung brauchen“. Die Spitzenkandidatin forderte Familienzusammenführung – „im Ausland“. Die Slogans sind noch die gleichen wie 1989. Ihre Rede war geprägt von dem Dilemma, in dem eine nationalen Gruppierung im Europawahlkampf zwangsläufig steckt: Die Kandidatur erfolgt für ein Gremium, das eigentlich grundsätzlich abgelehnt wird. Der Tenor der Rede: Andere machen unsere Gesetze, andere geben unser Geld aus, Fischer verkauft unser Land. Da tobt der Saal. Nach einer EU-Richtlinie soll unser Führerschein, der der „beste und teuerste der Welt ist“, geändert werden. Zeitlich begrenzt soll er in Zukunft sein. Ältere Mitbürger müßten ihn statt im Fünfjahresturnus schon alle drei Jahre neu beantragen. „Jeder dritte Pole hat schon eine Ich-AG“ Das Publikum, überwiegend männlich und überwiegend zwischen 50 und 70, ist empört. Der Gerechtigkeit halber muß erwähnt werden, daß bei CDU und SPD Parteiveranstaltungen nicht anders aussehen. Die Parteien spiegeln nur den Bevölkerungstrend wider. Winkelsett rechnet vor, daß in Wirklichkeit acht bis neun Millionen Deutsche arbeitslos seien. Viele Jobs seien in die EU-Beitrittsstaaten abgewandert. Schröder sei die „Mutter aller Schnäppchen“. Diesen Witz verstehen nicht alle der betagten Rep-Sympathisanten. Der CDU und ihrer Kritik an der Schröder’schen Wirtschaftspolitik sei nicht zu trauen: „Die haben uns schon bei den 2+4-Verhandlungen verraten.“ Dann warnt sie vor „Hunderttausenden von Zigeunern“ und prognostiziert einwandernde Billigarbeitskräfte aus Osteuropa: „Jeder dritte Pole hat schon eine Ich-AG.“ Damit umgehen sie die Barrieren, die zum Schutz der westeuropäischen Arbeitsmärkte errichtet worden sind. Dann der EU-Beitritt der Türkei: Auch hier sei der CDU nicht zu trauen. Die CDU habe nicht einmal den Mut, das Thema im Wahlkampf anzusprechen. Wie wahr! Sie jedoch setze sich für die siebzig Millionen Deutsche ein. „Da sind mir drei Millionen Türken in Deutschland scheißegal“, ereifert sich Winkelsett. Die 41jährige Ursula Winkelsett ist Mutter von vier Kindern und eine überzeugende Rednerin obendrein. Sie gilt als Vertraute des Republikaner-Vorsitzenden Rolf Schlierer. Eingetreten in die Partei ist sie vor fünfzehn Jahren – als die Partei noch in aller Munde war und Wahlen gewann.

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