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Rebellen in Lederhosen

Warum gelten ausgerechnet bayerische Lederhosen auf der ganzen Welt als typisch deutsch? Vielleicht weil im weiß-blauen Freistaat noch glühend für die Traditionen gekämpft wird – wie der „Trachtenstreit“ der letzten Wochen gezeigt hat. Den bayerischen Trachtenvereinen war der handbestickte Kragen geplatzt, als die Regierung bekanntgab, daß die Fördergelder zur Beschaffung von Trachten im Wert von rund 530.000 Euro komplett gestrichen würden. So schnell wollten die 300.000 Dirndl- und Lederhosenträger den Gürtel nicht enger schnallen und reagierten mit geradezu revolutionären Protestaktionen: Die 24 Gauvorstände beschlossen einheitlich ein Redeverbot für CSU-Abgeordnete auf Schützen- und Gemeindefesten und drohten sogar, das Oktoberfest zu boykottieren. Aufgebracht schlug der Oberlander Gauvorstand Franz Mayr vor, die Veranstalter „können sich ja Chinesen für den Umzug holen“ (taz, 17. März 2004). Damit wies er auf die preiswerte Herstellung von Kleidungsstücken im Zuge der Globalisierung und den damit verbundenen Authentizitätsverlust hin. Max Bertl, stellvertretender Vorsitzender des Bayerischen Trachtenverbands e.V. betonte, daß es besonders kinderreichen Familien buchstäblich an den Kragen ginge. Die in mühevoller Handarbeit angefertigten Kostüme kosten zwischen 500 und 700 Euro für Kinder und bis zu 3.000 Euro für Erwachsene. „Kinder wachsen schnell aus den Gewändern raus“, beklagte Bertl, „und deshalb wird gerade die Jugendarbeit leiden.“ Da die Trachtler ehrenamtlich arbeiten und die Jahresbeiträge von etwa 30 Euro nicht der Rede wert sind, müssen die Mitglieder ohnehin schon tief genug in ihre Kniebundhosentaschen greifen. Die enttäuschten Trachtenvereine fühlten sich durch die strikte Sparpolitik des Staates verraten, der sich nach Artikel drei der bayerischen Verfassung als Kulturstaat definiert und dies „durch konkrete Förderung“ beweisen will. Das Kunstministerium, verantwortlich unter anderem für das Trachtenwesen, bewegt jährlich eine halbe Milliarde Euro zur Unterstützung von Bibliotheken, Archiven, Theatern, Denkmalpflege, Museen und Heimatmusik. Das Ministerium teilte mit, daß bei den krassen Kürzungen, die zur Zeit in allen Bereichen vorgenommen würden, die Trachtenvereine ebenfalls sparen müßten. „Überall werden Universitätsprofessoren entlassen; eine Förderung der Trachten ist nicht mehr zeitgemäß“, erklärte ein Pressesprecher des Ministeriums. Der entbrannte Konflikt wurde schnell beigelegt Der Kulturminister Thomas Goppel hatte seine Rechnung ohne die Trachtler und vor allem ohne die Presse gemacht. Das Thema war wochenlang unbeachtet in den Regionalzeitungen herumgedümpelt, bevor der Trachtenverband mit seinen Oktoberfestparolen mit einem Mal den Streit interessant machte. Die Journalisten heizten die Geschichte weiter an, und mit ihrer Hilfe gelang es den treuen, aber enttäuschten CSU-Wählern, die Regierung in die Knie zu zwingen. Bei einer Konferenz am 18. März setzten sich Vertreter der Trachten- und Schützenvereine mit Regierungsmitgliedern zusammen, um über Kompromisse zu reden. So schnell wie der Konflikt entbrannt war, so schnell wurde er auch wieder beigelegt. Denn Zeitungsschlagzeilen wie „Gibt Bayern sein kulturelles Selbstverständnis preis?“ und „Ist der Kulturstaat Bayern in Gefahr?“ konnten die Politiker davon überzeugen, vorerst nur eine sanfte Kürzung durchführen. Die Regierung machte großzügige Zugeständnisse – insgesamt 400.000 Euro sollen weiterhin den Trachtenvereinen zufließen. Künftig solle punktuell und projektbezogen gefördert werden, versprach das Ministerium, zum Beispiel zur Unterstützung von Musikkapellen und Theatergruppen. Die Wogen sind also wieder geglättet, und beim Oktoberfest wird man auf die Mieder und Krachledernen wohl nicht verzichten müssen. Stoiber&Co. konnten die mittlere Krise gerade noch abwenden, ohne die eigenen Stammwähler zu verprellen. Daß in Bayern noch Wert auf Brauchtumspflege gelegt wird, haben die Trachtler mit ihrem Protest gegen die drastische Mittelkürzung bewiesen. Der Verfall kultureller Werte ist damit natürlich nicht grundsätzlich behoben. In allen kulturellen Bereichen werden weiterhin Gelder gestrichen, was beispielsweise zu Theaterschließungen führt. Nicht nur auf Gautrachtenfesten wird der Bezugsverlust zur Heimat diskutiert, auch in Kirchen und Schulen, auf Hochzeiten und festlichen Umzügen sterben die Traditionen langsam aus. Halten die seit 125 Jahren bestehenden Trachtenvereine damit etwas Kostbares, Bewahrenswertes künstlich am Leben? Wie wichtig sind Volkstänzer und Laienmusikanten für eine Gesellschaft aus multikulturellen Individuen? Sind „Heimatliebe“ und „Kulturerhalt“ überhaupt politisch korrekte Begriffe? Kann man eine veraltete Mode konservieren? Sollte Kleidung als Ausdruck der Persönlichkeit nicht veränderbar und originell sein? Oder brauchen wir gerade im Terror des Alternativ- und Einmalig-Seins einen konformen Zugehörigkeitskodex? Das Tragen von Tracht ist Idealismus Seit über hundert Jahren existieren die Trachtenvereine in Bayern, seit vierzig Jahren werden sie staatlich subventioniert. Der Überlebensdrang der Vereine scheint also nicht ausschließlich durch finanzielle Mittel motiviert zu sein. Das Tragen von Trachten ist in erster Linie Idealismus. Gertraud Zull, Geschäftsführerin des Instituts für Volkskunde in Bayern, beschreibt Trachten als ein Konstrukt aus verschiedenen Kleidungsstücken, die seit Ende des 19. Jahrhunderts von historisch orientierten Gruppen getragen und ihren Originalvorbildern exakt nachgeschneidert werden. Techniken und Fertigungsschritte werden somit über Generationen hinweg aufbewahrt und weitergegeben. Es handelt sich also nicht nur um vordergründige Kostümierung und gelegentliches festliches Zur-Schau-Stellen der Traditionen, sondern im weiteren Sinne auch um geschichtliche Forschung und Bewahrung bestimmter identitätsstiftender Sitten und Gebräuche.

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