Superwahljahr

 

Kulturkampf in der Provinz

Moscheebau-Konflikte sind ganz besondere Auseinandersetzungen. In schätzungsweise 170 deutschen Gemeinden brodelt mehr oder minder offen der Streit um den Bau eines islamischen Gotteshauses. Vor allem der 11. September und die damit verbundene Sensibilität für den radikalen Islamismus nährt die Skepsis der Bürger gegenüber den meist monumental wirkenden Planungen. Nicht selten wird – wie jüngst in Berlin – seitens der Trägervereine getrickst und gelogen, nur um allen Vorschriften zum Trotz einige Meter für das Minarett oder die Kuppel zu schinden. Auch in der bayerisch-schwäbischen 6.500-Seelengemeinde Thannhausen tobt seit zwei Jahren ein ganz ähnlicher Streit. Die Akteure dort sind ein zwielichtiger islamischer Verein, eine sich unklar äußernde Stadtverwaltung und eine starke überparteiliche Bürgerinitiative gegen das Moscheebau-Projekt. Wahrscheinlich hat Bürgermeister Johannes Schropp (CSU) niemals mit einem solchen Aufruhr gerechnet, als er im Sommer 2002 die Thannhauser Stadträte zu einer Moscheen-Besichtigung im nachbarlichen Lauingen einlädt. Dort hat Bürgermeisterkollege Georg Barfuß (CSU) bereits Mitte der 1990er eine „islamische Bildungs- und Gebetsstätte“ erbauen lassen. Daß dies in seiner Gemeinde nicht zum Wohlgefallen aller geschah, wurde pflichtschuldigst von der regionalen Presse unter den Tisch gekehrt. Im Gegenteil – Barfuß pflegt seitdem den Nimbus des Weltbürgers und wird von Medien und Politik für seine „Courage“ und „Offenheit“ gelobt. Kein Wunder also, daß es dem Thannhausener Schropp gut gefallen haben muß … Doch in Thannhausen kam es im September 2002 zu einem Eklat. Bei einer Bürgerversammlung wird der Plan zum ersten Mal für alle öffentlich – ein Bauwerk, welches das Lauinger Modell in den Schatten stellen würde, mit dabei ist auch Barfuß. Unmut, Entrüstung und schließlich Protest macht sich breit. Schnell gründet sich noch im selben Monat eine Bürgerinitiative. Während Schropp sich unerwartet in einer defensiven Situation wiederfindet, erweist ihm sein Kollege Barfuß in einem Radio-Interview einen Bärendienst: Es gebe in Thannhausen „tatsächlich starke Bewegungen“ gegen das Bauprojekt. Und weiter sagt er, er „habe selten so viel braunen Seich (…) erleben müssen wie in Thannhausen“. Aufruhr in Schropps Gemeinde, wer soll der „braune Seich“ sein? Etwa die Bürgerinitiative? Es herrscht dringend Klärungsbedarf. Zweimal muß Schropp den „lieben Georg“ schriftlich um eine Stellungnahme bitten, bis dieser endlich per E-Post reagiert. Dort entschuldigt sich der „Mensch, der ungewöhnliche Wege geht“ (Bayerischer Rundfunk) kleinlaut. Er habe natürlich niemanden bestimmtes damit gemeint. Ein Blick in Barfuß‘ Dissertation – der Endfünfziger promovierte über „Migration – Integration“ – bestärkt allerdings den Verdacht, er habe sehr wohl die Bürgerinitiative mit „braunem Seich“ gemeint. Denn dort macht er „rechtsgerichtete Tendenzen“ in der Bürgerinitiative aus. Die Initiative, die inzwischen „Bürgerforum Thannhausen“ (BF) heißt, ist wenig überrascht über derartige Diffamierungsversuche. Deren Köpfe, der Unternehmensberater Wolfgang Schrauth und der Hotelier und Brauereibesitzer Nils Goltermann, sehen solche Anschuldigungen lediglich als „billige Stimmungsmache“. Statt sich in einem Klagengewirr zu verzetteln, betreibt das BF Sacharbeit – die Bombe platzt, als bekannt wird, daß es sich bei dem „Islamischen Verein“, dem Trägerverein des Bauvorhabens, um einen Ableger des Islamistenvereins Milli Görüs handeln soll. Der bayerische Verfassungsschutz bestätigt dies schriftlich, als Schropp selbst dort anfragt. Dieses Antwortschreiben – so der Vorwurf des BF – sei vom Bürgermeister dem Stadtrat und den Bürgern vorenthalten worden. Es sei während einer krankheitsbedingten Abwesenheit Schropps zufällig aufgetaucht – der Skandal ist perfekt. Doch noch mehr Vorwürfe stehen im Raum: Schropp habe, nachdem ihm bereits die eindeutige Beurteilung des Verfassungsschutz bekannt sein mußte, gemeinsame Auftritte mit dem „Islamischen Verein“ gehabt. Das BF unterstützt indes einen „liberalen und laizistischen Verein“ („Bosporus“) bei dessen Suche nach einem adäquaten Gebetsraum. Der Bürgermeister habe versucht, Bosporus und „Islamischen Verein“ an einen Tisch zu bringen. „Daß der Bürgermeister hier gemäßigte, integrierte Moslems in die Hände von Fundamentalisten treiben wollte, ist einfach nicht zu fassen“, urteilt BF-Vorsitzender Schrauth im Gespräch mit der jungen freiheit. Der geplante Moscheebau wurde im Zuge der Diskussion in den Planungen immer kleiner – heute ist nur noch die Rede vom „schwäbischen Baustil“ ohne „Minarette“. Die offenen Fragen um den Trägerverein, wie beispielsweise die Finanzierung des Projekts, bleiben. Der „Islamische Verein“ ließ mittlerweile über seinen Anwalt mitteilen, daß er mit Milli Görüs „nichts zu tun“ habe. „Wahrscheinlich glaubt das wieder mal nur unser Bürgermeister“, so Schrauth ironisch. Der kündigte indes an, weiter „im Bürgerinteresse“ gegen das umstrittene Bauprojekt kämpfen zu wollen. Foto: Ursprünglicher Moschee-Plan des Islamischen Vereins: Unmut, Entrüstung und Protest macht sich in Thannhausen breit

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