Keine Wende

Kurt Krenn galt, nach Jörg Haider, als der Provokateur in Österreich – als einer, der viel einstecken mußte, aber auch gewaltig austeilen konnte. Von so manchen wird sein Rücktritt nun als „Erleichterung“ bezeichnet, nachdem sie diesen regelrecht herbeigeredet oder -geschrieben haben. Doch der Diözesanbischof von St. Pölten ist letztlich über eigene Fehler gestolpert – der „Sexskandal“ (31-32/04) in dem von ihm beaufsichtigten Priesterseminar löste bei seinen „linken“ Gegnern Häme, bei seinen konservativen Freunden hingegen Abscheu und Empörung aus. Selbst angesichts des öffentlichen Drucks von allen Seiten widerstrebte Krenn ein „leiser Abgang“: „Ich bin nicht aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten, da ich völlig gesund bin“, erklärte der 68jährige. Er hätte jenen Druck „noch länger ausgehalten. Aber ich habe immer gesagt, ich werde tun, was der Papst sagt.“ Päpstliche Entscheidungen hat Krenn in der Tat niemals öffentlich hinterfragt. 1962 wurde er in der Heiligen Stadt zum Priester geweiht, 1987 von Papst Johannes Paul II. zum Auxiliarbischof der Erzdiözese Wien für die Bereiche Kunst, Kultur und Wissenschaft ernannt. 1991 wird Krenn als Nachfolger von Franz Zak Bischof von St. Pölten – eine seiner ersten Ankündigungen, künftig keine Ministrantinnen mehr zulassen zu wollen, bringt ihn in die Schlagzeilen. Dabei hatte er nur die Papst-Linie durchgesetzt. Höhepunkt von Krenns Karriere war der Papstbesuch 1998, als Johannes Paul II. einen Gottesdienst in Krenns Bischofsstadt St. Pölten zelebrierte. Obwohl Krenns Ansichten als extrem konservativ – sprich papsttreu – galten, war er in seiner Außendarstellung äußerst „modern“ und jederzeit bereit, Journalisten ein Interview zu geben. Diese gaben seine berüchtigten Provokationen genüßlich wieder. Nur so konnte er seine Ansichten in ganz Österreich verbreiten. Als sich 1995 fast alle Kirchenoberen wegen einer Affäre um sexuellen Mißbrauch Minderjähriger vom Wiener Erzbischof Hans Hermann Groer abwenden, profiliert sich Krenn als dessen eifrigster Verteidiger: „Ich werde Groer meine Unterstützung nie versagen.“ Die Vorwürfe seien lediglich „Hollabrunner Lausbubengeschichten“. Weiteres Aufsehen erregte Krenn, als er 1994 die FPÖ-Zentrale in St. Pölten einweihte – in Anwesenheit von FPÖ-Chef Haider, der damals noch Persona non grata war. Und schon im Oktober 1999, kurz nach den Wahlen, als die ÖVP-FPÖ-Koalition noch nicht absehbar war, verkündete Krenn erneut seine Sympathie: „Ich stehe zu Leuten, die ich schätze – und ich schätze Jörg Haider.“ Krenns deutliche Warnungen vor dem Islam fanden bei vielen Zustimmung – in den Medien aber um so schärfere Ablehnung. Krenn war auch Präsident der 1963 kirchlich anerkannten Kaiser-Karl-Gebetsliga für den Frieden, die sich für die Seligsprechung Kaiser Karls I. einsetzte – seinen Erfolg konnte Bischof Krenn vergangenen Sonntag allerdings nur im Fernsehen mitverfolgen. Krenns Nachfolger steht inzwischen fest. Es wird der vom Vatikan anläßlich des „Sex-Skandals“ eingesetzte apostolische Visitator Bischof Klaus Küng. Der 64jährige war seit 1989 Bischof der Vorarlberger Diözese Feldkirch. Küng wurde erst spät Priester. 1964 schloß er sein Medizinstudium ab und arbeitete ein Jahr als Arzt am Kaiserin-Elisabeth-Spital in Wien. 1965 begann er sein Theologiestudium an der päpstlichen Lateran-Universität in Rom, 1970 wurde Küng zum Priester geweiht. Ob es mit ihm die von manchen herbeigesehnte „Wende“ in St. Pölten geben wird ist allerdings äußerst fraglich: Küng ist schon seit 1962 Mitglied der konservativ-katholischen Organisation Praelatura Santae Crucis et Opus Dei („Prälatur des Heiligen Kreuzes und Werk Gottes“).

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