Hüter des Seins

Manche begreifen es erst jetzt, und manche werden es nie verstehen: Mit Rainer Hildebrandt, der im Jahr des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges geboren wurde, wird eine Jahrhundert-Persönlichkeit der deutschen Geschichte zu Grabe getragen. Er, im Stuttgarter Künstlermilieu seiner Eltern aufgewachsen, überlebte als junger Freund des hingerichteten Hitler-Widerständlers Albrecht Haushofer die NS-Diktatur mit 14 Monaten Haft, um dann mit diesem Vermächtnis im Gepäck gegen die von den Sowjets installierte Diktatur in Deutschland wirkungsvoll anzukämpfen. Seine Gegenwehr stand jedoch von Anfang an unter dem Verdikt des gewaltlosen Widerstandes seines Vorbildes Mahatma Gandhi, so daß er selber die von ihm gegründete Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) verließ, als eingeschleuste Agenten und Hasardeure Gewaltakte planten und in der „Zone“, wie die DDR auch nach ihrer Gründung noch genannt wurde, KgU-Mitglieder ohne ausgeführte Taten sogar hingerichtet wurden. Hildebrandts große Idee, das Geschehen an der Berliner Mauer zu beobachten und zu dokumentieren, wurde vorerst am 19. Oktober 1962 in einer kleinen Wohnung in der Bernauer Straße umgesetzt. Er wollte, wie er sagte, „so dicht wie möglich an das schreiende Unrecht heran“. Durch Vermittlung des Axel-Springer-Verlages gelangte die Ausstellung „Es geschah an der Mauer“ bald an den weltbekannten Standort Checkpoint Charlie, wo ein Café-Restaurant kapitulierte, weil es im Schatten der Mauer an den Rand und in den Ruin geriet. Dort konnte sich die stetig wachsende und immer bekannter werdende Ausstellung nicht nur zum „Feind Nummer eins“ des SED-Regimes, sondern zu einem der meistbesuchten Museen Berlins entfalten. So fest das Haus an der Front des Kalten Krieges gestanden haben mag, so geriet es mit seiner brisanten Thematik oft zwischen die politischen Fronten demokratischer Gegner, die sich vom Westen aus gierig um die Gunst der SED bemühten. Kein Wunder, daß Rainer Hildebrandt unter den Regierenden im Westen als „Ewiggestriger“ und „Kalter Krieger“ und unter den Regierenden im Osten als „Inbegriff des Klassenfeindes“ gehandelt wurde, wie Ex-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski bekannte, als er Hildebrandt zu seinem 80. Geburtstag gratulierte. Es gelang ihm immer wieder das Kunststück, allen Einmischungs- und Umarmungsversuchen zu widerstehen und den Unterwanderungs- und Entführungsbemühungen der Stasi-Mitarbeiter und ihrer westlichen Handlanger Paroli zu bieten. Obwohl insgesamt rund 20 Stasi-Agenten im Laufe der Zeit die Arbeit des Museums und der „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ zu sabotieren suchten, hat Hildebrandts Lebenswerk alles heil überstanden. Er sagte sogar: „Fast kann man sagen, wir sind gestärkt daraus hervorgegangen.“ Nicht nur von seinen Gegnern wurde er schon viel zu früh als verwirrter Geist abgeschrieben, der schwer höre und überhaupt nichts mehr wahrnehme. Diesen abwesenden Eindruck mag er manchmal aus einem gewissen Selbstschutz heraus erweckt haben, aber wer ihn besser kannte, wußte, daß sich dahinter die Fähigkeit verbarg, vieles zu gleicher Zeit wahrnehmen, planen und denken zu können. Er konnte bewußt innehalten im äußeren Trubel und so Halt finden in sich selber, in den Erfahrungen und seiner Substanz. Nicht die Spur von Rachsucht nach dem Untergang der DDR Er war gewissermaßen auch ein „Hüter des Seins“, wie der Philosoph Martin Heidegger sagen würde, denn Hildebrandt war mehr als nur ein Tatmensch, dem einiges geglückt war; er war desgleichen ein Künstler und Denker, sogar zeitweise ein Spieler und Lebemann, aber hauptsächlich ein Mann von Welt. Sein menschliches Anliegen zeigte sich nicht zuletzt in seiner Fähigkeit des Mitleidens und Mitempfindens; ganz im Sinne von Arthur Schopenhauers Moralkriterien war ihm jegliche Schadenfreude zuwider. Opfer-Täter-Gespräche fanden deshalb nicht zufällig nach dem Zusammenbruch der DDR in seinem Hause wie im Museum statt. Mir gelang es, Schabowski zu überzeugen, sich dort einer Diskussion zu stellen. Nachdem er dann dem „Mann mit dem weißen Haar und den lebendigen Augen“ zum ersten Mal persönlich gegenübergestanden hatte, gewann er den Eindruck: „Nicht die Spur von Triumph, geschweige denn von Rachsucht, die zu verstehen ich bereit gewesen wäre, ging von ihm aus.“ Die Getreuen Rainer Hildebrandts sollten seine Frau Alexandra bei dem Bemühen, das Lebenswerk ihres Mannes fortzuführen, tatkräftig unterstützen. Siegmar Faust , geb. 1944 in Dohna (Sachsen), Schriftsteller, wurde in der DDR wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zweimal zu Gefängnisstrafen verurteilt. 1976 wurde er von der Bundesrepublik freigekauft.

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