Superwahljahr

 

Gewöhnung

Die wirtschaftlichen und sozialpolitischen Entwicklungen in Deutschland werden in zunehmendem Maße sehr aufmerksam beobachtet. Jede Veränderung der einschlägigen Daten wird mit seismographischer Empfindlichkeit registriert, analysiert und in den Medien an herausragendender Stelle kommentiert. Täglich erfahren wir alle möglichen Einzelheiten zur kontinuierlich steigenden Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit, zum sinkenden Wirtschaftswachstum, zu immer neuen Defiziten in den öffentlichen Haushalten, den Kranken- und den Rentenkassen usw. usw. Zur Erklärung dieser beängstigenden Entwicklung wird unter anderem auf die „Veränderungen des demographischen Faktors“ verwiesen, das heißt auf den Rückgang der Geburten einerseits, auf die längere Lebensdauer der Menschen andererseits. Das ist zwar keine unzulässige, wohl aber eine unzureichende Erklärung, weil sie in der Regel den entscheidenden Grund für diese „Veränderungen“ nicht benennt: die konstant hohe Zahl der Abtreibungen in unserem Volk. Es fällt auf , daß in den Medien davon kaum die Rede ist, ganz im Unterschied zu den anderen angedeuteten Daten zur Wirtschafts- und Sozialpolitik. Immerhin gibt es Ausnahmen! Dazu gehören der evangelische Nachrichtendienst idea in Wetzlar und der katholische Komm-Mit-Verlag in Münster, die das Thema konsequent verfolgen und viele Entscheidungsträger in der Gesellschaft und Politik mit entsprechenden Nachrichten und Materialien versorgen. So veröffentlicht idea wöchentlich den aktuellen Stand der Abtreibungszahlen für das laufende Jahr. Die Eintragung in der letzten Ausgabe vom 3. November 2004 lautet: „Bis zum Ende der 45. Woche werden in Deutschland 135.000 Kinder im Mutterleib getötet werden.“ Damit wird auch in diesem Jahr die seit Jahren konstante Zahl von rund 150.000 „legal“ getöteten Kindern erreicht. Hinzu kommt eine hohe Zahl von nicht erfaßten, heimlichen Abtreibungen. Wann endlich werden die Konsequenzen dieser Entwicklung bedacht? Dabei sollte es nicht allein um die ökonomischen Aspekte gehen, beispielsweise um die finanziellen Belastungen der Krankenkassen, sondern vor allem um das Problem einer stillschweigenden Gewöhnung unseres Volkes an die weitere Erosion unseres Rechtsbewußtseins. Bis vor wenigen Jahren bot der Bußtag Anlaß zu derartiger Besinnung. Wer bietet sie heute? Insofern sollte man in diesem Zusammenhang noch einmal über den Vorschlag einer Abschaffung von Feiertagen nachdenken. Prof. Dr. Klaus Motschmann lehrte Politikwissenschaften an der Hochschule der Künste in Berlin.

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