Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Pankraz, Th. Jefferson und die Macht aus den Gräbern

Laß die Toten ihre Toten begraben." Dieses Jesuswort, in zwei Evangelien fixiert (Matthäus 8,22; Lukas 9.60), klingt hart und geradezu kulturrevolutionär, es ist seit Olims Zeiten ein Ärgernis für jeden guten Konservativen. Immerhin ist es nicht irgendwer, der begraben werden soll. Der frisch bekehrte Jünger sagt zu Jesus: "Herr, ich will Dir nachfolgen, aber erlaube mir bitte, daß ich zuvor noch meinen Vater begrabe." Darauf also das Donnerwort: "Laß die Toten ihre Toten begraben. Du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!"

Jede Ehrfurcht vor der Toten Tatenruhm wird hier suspendiert. Das Reich Gottes ist kein Seelenraum mehr, der schon immer da war, für den sich auch die jetzt Toten schon sehnsüchtig abrackerten, sondern es ist ein bis dato völlig blindes Fenster, das erst durch die Ankunft Jesu jäh aufreißt, ein neues "Aion" von bisher unerahnter, unerahnbarer Dimension. Man kann für die Verkündigung des Neuen Reiches nichts, aber auch gar nichts, von den Toten lernen. Alles, was sie einst zustande gebracht haben, ist, verglichen mit dem Neuen Reich, "Scheiße", wie der Apostel Paulus in der Spur seines Herrn wortwörtlich kundgibt (Philipper 3/7).

Und schlimmer noch: Die Söhne dürfen sich, wenn es um die Verkündigung des Neuen Reiches geht, nicht einmal die Zeit nehmen, ihre Väter anständig zu beerdigen. Jesus hat offenbar keine Zeit, wie der Teufel bei Hans Blumenberg. Man kann es nicht anders sagen: Der Heiland spricht in Lukas 9,60 wie Kreon in dem Antigone-Drama von Sophokles. Die Toten sind seine Feinde. Die Geier und Schakale mögen sie fressen. Den Kindern wird unter Umständen glattweg verboten, sich ehrend um sie zu kümmern.

Das war wirklich eine unerhörte Herausforderung. Man denke nur daran, was für eine zentrale, unendlich ausführliche Rolle das Totengedenken in den alten Kulturen der Menschheit spielte, und zwar in allen Kulturen, in Ägypten wie in Indien und China, bei den Griechen wie bei den Juden, im römischen Reich wie im Reich der Parther und Feueranbeter. Totengedenken war Kulturübung Nummer eins. Je glänzender und ausdifferenzierter eine Kultur, um so intensiver und inniger das Totengedenken.

Die Ägypter verbrachten nicht nur den größten Teil ihres Sozialprodukts in die Totenkammern, die sie mit unsäglicher Pracht ausstatteten, sie stellten auch ihre Politik und ihre Alltagsbräuche vollständig unter das Andenken der Toten. Eine Sache war gut und richtig insofern, als sie bereits von den Ahnen praktiziert worden war. Jede Neuerung hatte sich an dem zu messen, was überkommen war. Und so wie bei den Ägyptern ging es faktisch bei allen anderen Völkern zu, bei den einen mehr, bei den anderen weniger.

Wahrscheinlich war es genau diese politische Übermacht der Toten über die Lebenden, die Jesus zu seinem harschen Diktum veranlaßte. Sein Reich war ein Reich des Lebens, nicht des Todes. Wer zu ihm hinstrebte, hatte sich schon im Diesseits nach vorn ins Zukünftige zu orientieren, nicht in die Vergangenheit. Hier liegt der Grund für die manchmal verdeckte, doch immer spürbare Zuneigung des Christentums gegenüber allem Neuen und Zukunftsträchtigen, noch Unerprobten und Hoffnung Verheißenden.

Das Neue hat speziell für Christen einen Bonus. Neuerungen müssen sich bei ihnen nicht extra rechtfertigen, sondern es ist das Alte, das sich seinerseits angesichts des Neuen rechtfertigen muß. Das Gepäck der Toten wird im Christentum ständig überprüft und auf seine moderne Verwendbarkeit hin durchgesehen. Besteht es die Nagelprobe nicht, wird es ohne Sentimentalität weggeräumt.

Neue politische Strömungen stellten sich, bevor die Jakobiner und später die Kommunisten damit Schluß machten, regelmäßig unter christliche Zeichen, traten an als befreiende, längst überfällige Wiedererinnerung, Wiedererweckung des "wahren" christlichen Glaubens. Und auch die Herabsetzung der Toten und ihrer Leistungen fehlte nicht. Das gilt für Luther wie für Thomas Müntzer gleichermaßen, für John Wiclif wie für Johannes Hus, für Wiedertäufer wie für Puritaner.

Thomas Jefferson, der amerikanische Gründervater, ein überzeugter Christ (wenn auch Sklavenhalter und Heuchler), hielt die "Macht aus den Gräbern" für die Hauptursache dafür, daß Freiheit und Gerechtigkeit in der Politik so schlecht vorankämen. "Wir dürfen die Toten nicht zu Herren über die Lebenden machen", schrieb er. Seiner Meinung nach sollten sämtliche Gesetze und Einrichtungen nach einer gewissen, möglichst kurz bemessenen Frist suspendiert, routinemäßig überprüft und "den neuen Gegebenheiten" angepaßt werden. Für das "alte Europa" hatte Jefferson nur Verachtung übrig, und zwar genau deshalb, weil es vor der Macht aus den Gräbern in die Knie gegangen und damit seines christlichen Auftrags verlustig gegangen sei.

Was aber heißt denn christlicher Auftrag? Wenn das Neue Reich, im Gegensatz zur Erwartung der ersten Jünger, auf sich warten läßt, wenn es sich zur Marathonstrecke der Hoffnung ins schier Unendliche hinzieht, bedarf es der Zeichen und Symbole, die die Ahnen aufgerichtet haben, damit der Glaube unterwegs nicht gänzlich verlorengeht. Das Neue bloß um des Neuen willen ist gar nichts, mithin ein Glaubenskiller ersten Ranges.

Es bleibt dabei: Nicht das Alte muß sich vor dem Neuen, sondern das Neue muß sich vor dem Alten rechtfertigen, um seine Sinnhaltigkeit und Notwendigkeit zu beweisen. "Macht aus den Gräbern" bedeutet letztlich nichts anders als Vernunft. Nur wer die Toten ordentlich begräbt und ihr Andenken in Ehren hält, kann irgendwas überzeugend verkündigen – eben weil er vernünftig ist. Das sollten alle Pfarrer beachten, die über Lukas 9,60 oder Matthäus 8,22 predigen.

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