Aristokrat

Der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy erhält am 10. Oktober den mit 15.000 Euro dotierten Friedenspreis. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels will so die „weithin vernehmbare Stimme der Nachgeborenen“ belohnen, die die „Zerstörung des Menschen durch Terror und Gewalt und seine Wiederauferstehung in Trauer und Ironie“ beschreibe – so der zuständige Stiftungsrat. Esterházys „Mut zum offenen Bekenntnis und zur poetisch-heiteren Beschreibung“ setze der europäischen Depression einen Kontrapunkt entgegen. Der „Jüngste der ‚Joyceianer'“ habe nicht nur seine Heimat Ungarn in der Mitte Europas, „sondern Europa in der Mitte der Literatur neu situiert“, wird die Entscheidung des Stiftungsrates weiter begründet. Als Péter Esterházy 1950 in Budapest geboren wurde, glaubte wohl niemand, daß der Junge einst Karriere machen könnte. Denn sein Name stand für eines der bedeutendsten Adelsgeschlechter der Habsburger Monarchie, und das war in den Zeiten des stalinistischen Terrors nicht unbedingt angenehm. Es machte keinen Unterschied, daß er „nur“ ein Graf war und nicht zu der fürstlichen Linie seiner weitverzweigten Sippe gehörte. Auch mit diesem Pedigree war er ein „Klassenfeind“ und damit praktisch vogelfrei. Hatte ein Aristokrat den Einfall der sowjetischen Soldateska im Frühherbst 1945 überlebt, drohte ihm Monate später die Ermordung durch die roten „Volksgerichte“. Konnte man Adligen in den Schauprozessen keine schweren „Verbrechen“ nachweisen, mußten die „Klassenfeinde“ in der Hortobágyer Puszta – oftmals in Schweineställen untergebracht – schwerste Feldarbeit verrichten. Dann kam der Aufstand von 1956. Anschließend flohen Hunderttausende gen Westen – auch Paul Fürst Esterházy. Die Familie von Péter blieb. Es folgten Jahrzehnte der KP-Diktatur unter János Kádár, in der sich jeder irgendwie einrichtete. Manchmal wurde man nur in Ruhe gelassen, wenn man sich zur Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit bereiterklärte. Péter Esterházy studierte von 1969 bis 1974 Mathematik an der Uni Budapest. Anschließend arbeitete er bis 1978 am Institut für Datenverarbeitung im Ministerium für Hütten- und Maschinenbauindustrie. Nach einem ersten erfolgreichen Buch wagte Péter im gleichen Jahr den Sprung in die Selbständigkeit als Schriftsteller. 1973 heiratete er Gitta Reén, die ihm vier Kinder schenkte: Dóra, Marcell, Zsófia und Miklós. Schon in den achtziger Jahren werden Esterházys Bücher auch ins Deutsche übersetzt, doch der wirkliche Durchbruch gelingt ihm erst mit seinem Hauptwerk „Harmonia Cælestis“ (2000), an dem er neun Jahre schrieb. In dem Roman zeichnet er im „dekonstruktivistischen Stil“ die Lebens- und Leidensgeschichte seiner Familie nach. Während er die Archive durchstöberte, stieß er auf Dokumente, die die Spitzeltätigkeit seines Vaters beweisen. In einer „Verbesserten Ausgabe“ versuchte er diesen Schock literarisch zu verarbeiten. Auch dieses Werk verkaufte sich gut. Esterházy ist ein überzeugter Linksliberaler: Jede Ordnung ist ihm suspekt. Zu seinen Freunden zählen Imre Kertész, Péter Nádas und György Konrád. In dem Döbrentei-Skandal (siehe JF 15/04) trat er daher aus Protest gegen den „wachsenden Antisemitismus“ aus dem ungarischen Schriftstellerverband aus. Péter Esterházy (Foto)

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