Joachim Kuhs

 

Westliches Unverständnis Carl Gustaf Ströhm

Habent sua fata libelli – Bücher haben ihre Schicksale. Die-ser lateinische Satz fiel mir ein, als ich dieser Tage in einem Buch zu stöbern begann, das ich seit vielen Jahren nicht mehr aufgeschlagen hatte. Sein Verfasser war der inzwischen längst verstorben Bruno Brehm, der mit seiner großen Habsburg-Trilogie („Die Throne stürzen“) berühmt wurde. In dem Buch „Aus der Reitschul'“ schildert Brehm 1951 seine Erlebnisse als Wehrmachtsoffizier mit k.u.k.-Hintergrund im Zweiten Weltkrieg. Am Ende beschreibt er, wie er aus US-Gefangenschaft entlassen wird. Im Lager war sein Nachbar der Marschall von Kroatien, Slavko Kvaternik, der später von den Amerikanern an die Tito-Kommunisten ausgeliefert und gehenkt wurde. Als sich der österreichische Autor und der Kroate, die sich in der Haft angefreundet hatten, am Lagertor voneinander verabschiedeten, sagte Kvaternik: „Schade, daß du meine Lebenserinnerungen nicht mehr lesen kannst, mir wäre viel an deinem Urteil gelegen gewesen, du hättest mir als Nichtkroate sagen können, was dir unverständlich ist. … Wir kleinen Völker setzen vieles als bekannt voraus, das andere nicht wissen können, und wir verbreitern uns gerne über Fragen, die Außenstehenden kleinlich und belanglos erscheinen. Da hättest du mir helfen können … Die Amis haben mich in Gmunden wochenlang in Einzelhaft gehalten und schreiben lassen. Sie halten viel vom schriftlichen Verfahren, sie meinen, der Mensch verrate, wenn er schreibe, mehr, als wenn er spreche. … Ich habe über alles geschrieben, worüber wir uns hier die ganze Zeit unterhalten: über West und Ost, über Lateiner und Griechen, über Rom und Byzanz und über mein armes, geschundenes, tapferes und braves Volk zwischen diesen beiden einander bekämpfenden Welten. Ich habe den Amis beschrieben, wie mir die Serben nach 1918 die Zähne eingeschlagen und wie man mich … durch ganz Serbien von einem Arrest zum andern geschleppt hat, weil ich Kroate, Westeuropäer, Katholik und ehemaliger k.u.k.-Generalstabsoffizier bin … Ich habe versucht, den Amis diese ihnen vollkommen fremde Welt zu schildern, ich habe ihnen zeigen wollen, daß es in Europa stets nur eine wahre Ehre gegeben hat: nämlich jene, Europa vor dem Zugriff des Ostens zu schützen, gleichviel, ob diese Völker … Mongolen, Türken oder Russen heißen. Ich habe ihnen dargetan, wie sich mein tapferes Volk durch Jahrhunderte an dieser Aufgabe verblutet hat. Ich habe dargelegt, wie alles Unheil nur deshalb über die Welt gekommen ist, weil es Italienern, Tschechen und Serben seinerzeit gelungen war, den Präsidenten Wilson davon zu überzeugen, daß die österreichisch-ungarische Monarchie zerstört werden müsse … Was diese befreiten Völker mit ihrer Freiheit angefangen haben, weißt du als Deutscher, aber ich weiß es auch als Kroate, und die Slowaken und Ungarn wissen es auch.“ Am Ende bittet Kvaternik seinen Lagergefährten: „Du kommst nun in die Freiheit, vielleicht gelingt es dir, mit einem Amerikaner zu sprechen, der nur ein bißchen Einfluß hat, darum bitte ich dich!“ Nicht ohne Beklemmung legte ich das Buch aus der Hand. Die Situation hat sich seit 1945 in diesem Punkt nicht geändert: Wir sind bis heute auf der Suche nach dem Amerikaner, der die Südost- und Ostsituation versteht. Was noch schlimmer ist: Manchmal scheint mir, die Europäer sind inzwischen selber so ahistorisch, daß sie nicht mehr begreifen, was „dort unten“ vor sich geht.

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