Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Sensibilität

Unsere vielzitierte, aber wenig beachtete sogenannte politische Streitkultur wird seit Jahren und in stetig zunehmendem Maße von subjektiv-emotionalen Faktoren bestimmt, über die sich bekanntlich so wenig streiten läßt wie über den persönlichen Geschmack und die sich deshalb rationaler Kontrolle und Beurteilung entziehen. Einstmals allgemeine anerkannte Maßstäbe wie zum Beispiel die Beachtung gesetzlicher Bestimmungen, höchstrichterlicher Urteile, seriöser wissenschaftlicher Gutachten aus „hellen Gründen der Vernunft“ werden zunehmend demonstrativ mißachtet. Zumindest die „Gebildeten unter den Verächtern“ traditioneller Formen geistiger, wissenschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen bestreiten in der Regel die Stichhaltigkeit überzeugender Gegenargumente auch nicht, belegen sie aber sofort mit dem Verdikt mangelnder „Sensibilität“. Wer oder was definiert jedoch verbindlich, was unter „mangelnder Sensibilität“ zu verstehen ist? Jeder Arzt und Rechtsanwalt, jeder Personalchef und Lehrer, jeder Prüfungsvorsitzende und Zulassungsreferent weiß von den Schwierigkeiten, unangenehme Entscheidungen „sensibel“ zu vermitteln. Man fühlt sich an den unglückseligen Bauleiter erinnert, der einer jungen Frau die Nachricht vom tödlichen Arbeitsunfall ihres Mannes zu überbringen hatte – mit der ausdrücklichen Mahnung der Firmenleitung, dies „schonend“ und „sensibel“ zu tun. Der Bauleiter besuchte die Frau, stellte sich vor und fragte sie: „Sind Sie die Witwe Schmidt?“ „Ja“, antwortete die Frau etwas verwirrt. „Ich heiße zwar Schmidt, bin aber keine Witwe“. „So“, fragte der Bauleiter, „sind Sie sich da ganz sicher?“ Wie immer man das Verhalten des Bauleiters beurteilen mag, eines wußte er noch: daß bei allem Bemühen um „Sensibilität“ der entscheidende Kern der Nachricht vermittelt werden muß. Sensibilität bedeutet nicht Verdrängen von Tatsachen und auch nicht Wecken von falschen Hoffnungen, daß auf diese Weise der bereits bestehende „cordon sanitaire“ um wichtige Themenbereiche noch weiter ausgedehnt werden könnte. Dieses Prinzip kann auf Dauer allein deshalb nicht funktionieren, weil es – reichlich unsensibel – nur im Umgang mit allen möglichen Minderheitenpositionen praktiziert wird ohne Rücksicht auf die Meinungen einer großen Mehrheit unseres Volkes. Hier gilt statt dessen die bekannte Drohung: „Wem solche Lehre nicht geht ein, verdient es nicht ein Mensch zu sein.“ Warum?

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