Respektierung gegenseitiger Interessen

In diesen Wochen hat das deutschamerikanische Verhältnis, das im Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland bisher eine Schlüsselrolle spielte, eine wohl irreversible Wandlung durchgemacht, über die manche erfreut, andere aber wiederum entsetzt sind. In der Diskussion, die Saddam Hussein gewiß unbeabsichtigt auslöste, gibt es gewisse Vokabeln und Begriffe, deren Gültigkeit bisher unbestritten war, die aber jetzt ins Wanken gerät. An erster Stelle handelt es sich um den Begriff „Dankbarkeit“, gefolgt vom „deutschen Sonderweg“, den es unbedingt zu vermeiden gelte. Und es gehe um die „atlantische Solidarität“, die – koste es, was es wolle – gewahrt werden müsse. Kürzlich gab es eine der zahllosen Fernsehdiskussionen, in der ein alter Herr auftrat und versicherte, er sei den Amerikanern ewig dankbar, weil diese ihn 1945 „befreit“ und ihm die Demokratie beigebracht hätten. Da kam mir der erste Bundespräsident Theodor Heuss in den Sinn, der über das Kriegsende gesagt hatte: „Wir waren befreit – und zugleich vernichtet.“ Der Verfasser dieser Zeilen, der zum Zeitpunkt der Kapitulation 15 Jahre war, erinnert sich an ein Gefühl der Erleichterung, weil uns die Amerikaner und nicht die Sowjets besetzten, und weil die unerträglichen Tieffliegerangriffe (bei denen die US-Maschinen Jagd auf deutsche Zivilisten machten) aufhörten. Zugleich aber staunte er über die ungeheure materielle Übermacht der US-Armee. Dagegen wirkten selbst die versprengten Waffen-SS-Einheiten, die noch versuchten, Widerstand zu leisten, armselig und klein. Wie hatte Deutschland gegen diese Übermacht fast sechs Jahre Krieg führen können? In den Jahren des Kalten Krieges und des Ost-West-Konflikts waren die meisten froh, unter den Fittichen der US-Militärregierung – und nicht der Sowjets gelandet zu sein. Amerika begann eine immer größere Rolle im deutschen Bewußtsein zu spielen. Das fing bei Aktionen wie der von US-Wohlfahrtsorganisationen organisierten „Schulspeisung“ an: die nicht gerade üppig ernährten deutschen Schulkinder erhielten täglich einen Teller mit Brei und Kakao: damals ein beträchtlicher Luxus. Lieber von den Amerikanern besetzt als von den Sowjets Seltsamerweise war damals von „Dankbarkeit“ der unterlegenen Deutschen gegenüber den siegreichen Amerikanern die Rede. Auch während der ersten Jahre der Bundesrepublik, als die Westdeutschen in einem kaum vorstellbaren Maß von den USA abhängig waren, wurde keine Dankesschuld eingefordert. Das kam erst viel später, als nämlich die Deutschen begannen, ihre Niederlage zu „verinnerlichen“ und sich „schuldig“ zu fühlen. Da erst kam auch das Wort vom „Tätervolk“ auf. Es gehört zu den seltsamen Widersprüchen, daß die Parole, man müsse den Amerikanern „dankbar“ sein, erst um sich griff, als es mit der 68er Studentenrevolte gegen den Vietnam-Krieg erstmals zu einer breiten Ablehnung amerikanischer „Werte“ und „Ideen“ kam. Wobei es ein Paradoxon war, daß der 68er Antiamerikanismus mit einer gleichzeitigen Akzeptanz amerikanischer Lebensweisen einherging – was aber den damals aktiven Revoluzzern gar nicht so auffiel. Auch die amerikanische Sprach- und Kulturdominanz begann damals ihren bis heute anhaltenden Siegeszug. Doch mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende der Sowjetunion änderte sich das Bild. Mit einem Male wurden die Amerikaner, die bisher Garanten der Sicherheit Westeuropas und Westdeutschlands waren, objektiv überflüssig. Auch die Nato wurde im Grunde obsolet. Natürlich wird das westliche Bündnis auch unter veränderten Bedingungen weiter bestehen, aber heute glaubt niemand mehr an eine auch nur latente Gefahr aus Moskau. Das Verschwinden der sowjetischen Bedrohung aber führte zu einem US-Neo-Imperialismus. Solange Moskau als Gegengewicht existierte, versuchten die Amerikaner wenigstens das äußere Bild des „Multilateralismus“ zu wahren. Seit das Gegengewicht weggefallen ist, sind die Amerikaner ungehemmt bei der Verfolgung ihrer weltpolitischen Ziele, die auf eine einseitige US-Hegemonie unter militärisch-industriellem Vorzeichen hinauslaufen. Im Verhalten gegenüber Berlin zeigt sich plötzlich ein rüder Ton, und zumindest zwischen den Zeilen konnte man erkennen, die Deutschen täten besser daran, Ruhe zu geben und den USA im übrigen „dankbar“ zu sein. Es gehört daher zu den seltsamsten Entgleisungen der deutschen politischen Debatte, daß gerade vor allem Union diese angebliche Verpflichtung zur Dankbarkeit herausstellte. In Wirklichkeit begründet jede Form von Dankbarkeit eine Abhängigkeit. Wer „dankbar“ zu sein hat, kann nicht gleichberechtigt am Diskurs teilnehmen. Man kann ihn jederzeit mit dem Hinweis auf seine Dankespflicht zum Schweigen bringen. Politische Dankbarkeit wird damit zur Unterordnung unter den Willen anderer. Wenn in den vergangenen Jahren beklagt wurde, die Deutschen zeigten zu wenig Selbstwertgefühl und zu wenig Geschichtsbewußtsein – um von Patriotismus gar nicht erst zu reden -, dann spielte dabei die angeblich verpflichtende Dankbarkeit eine nicht unwesentliche Rolle. Gewiß haben die Amerikaner 1945 Westeuropa und Westdeutschland vor der sowjetischen Panzerwalze gerettet. Gewiß haben Marshall-Plan und Nato die Bundesrepublik stabilisiert und den Wiederaufstieg ermöglicht. Auf der anderen Seite hat Präsident Roosevelt in Jalta 1945 halb Europa den Sowjets ausgeliefert – mit katastrophalen Folgen für die betroffenen Völker. Wie soll etwa ein Pole oder Este den Amerikanern „dankbar“ sein, wenn durch damaliges Versagen der US-Politik Osteuropa für ein halbes Jahrhundert hinter dem Eisernen Vorhang verschwand. Doch blinder „Atlantismus“, der so tut, als sei nichts geschehen, ist ebenso verfehlt wie „Antiamerikanismus“. Beides sind im Grunde ahistorische Betrachtungsweisen. Auch das Argument, die Deutschen seien auf die Amerikaner „angewiesen“, ist nur zum Teil berechtigt. Amerikaner und Deutsche sollten lieber ihre gegenseitigen Interessenlagen definieren. Dazu gehört auch die Feststellung, daß die Deutschen an einem Krieg gegen den Irak nicht interessiert sind – weil sie die US-Prämissen für fragwürdig halten. Amerikanische Interessen können und müssen keineswegs mit deutschen Interessen identisch sein. Weder blinder Atlantismus noch Antiamerikanismus Ganz allgemein bleibt festzuhalten, daß eine pragmatische Beziehung auf der Grundlage eines Interessenausgleiches wesentlich tragfähiger sein dürfte als apriorische ideologische Festlegungen. Eine „Restauration“ der Beziehungen aus der Ära des Kalten Krieges, die notwendigerweise nicht gleichberechtigt waren, kann es nicht geben. Wenn die Amerikaner ihr „Imperium“ aufbauen wollen, können die Deutschen sie nicht daran hindern. Nur würde dieses Unterfangen mit einem Fiasko enden, falls Bush oder irgendjemand anderes glaubt, sich auf Dauer über die Weltmeinung hinwegsetzen zu können. Die Amerikaner brauchen keine Dankbarkeitsbezeugungen, sondern Ehrlichkeit und Offenheit auf der Basis der Respektierung gegenseitiger Interessen. Die Parole von Bush, „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“, ist dafür aber keine tragfähige Basis. Umgekehrt wird ein Schuh daraus.

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