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Politromantik

Das Gemälde, das Günter Zehm über die Achse Paris-Berlin-Moskau als „Schrittmacher einer Neuordnung Europas“ entwirft (JF 14/03), ist auf den ersten Blick nicht unsympathisch. Paßt da nicht vieles zusammen, von der Geopolitik bis zur Geschichte dieser Völker, die von Krieg, Leid und totalitären Diktaturen nur allzu viel erfuhren und die wissen, was sie sich im vergangenen Jahrhundert wechselseitig angetan haben? Und doch: Das schöne Bild stimmt wohl eben nur auf den ersten Blick. Die Frage ist: Kann man auf dem enormen Wohlstandspazifismus der heutigen Deutschen und Franzosen jene Neuordnung Europas aufbauen, die Zehm sich wünscht? Der derzeit wieder so penetrante moralische Zeigefinger der „alten“ Europäer erscheint mir als Alibi für den fehlenden politischen Willen, die westmitteleuropäischen Wohlstandsparadiese und Anspruchshaltungen der Massen zurückzuschrauben. (Der DGB ist Zeuge!) Dies wäre aber die primäre Voraussetzung für jene – auch militärisch fundierte – Rolle eines Global Players. Dann ist da aber auch Jacques Chirac, gewiß kein de Gaulle, der sich im Grab herumdrehen würde über die Islamisierung in Frankreich mit seinen heute über fünf Millionen Moslems. Hat Günter Zehm noch nie einen Blick geworfen auf die Banlieus der französischen Ballungsgebiete von Paris über Lille und Lyon bis Marseilles, wo längst schon das islamische Nordafrika „Europe“ abgelöst hat? Schon sind seine moslemischen Wähler in der französischen Innen- und wohl auch Außenpolitik zu einer Art Vetomacht geworden. Auch der französische Präsident, ein reiner Nominal-Konservativer, gehört zu jenen, die sich offensichtlich keine Gedanken darüber machen, ob sie nicht drauf und dran sind, die Europäische Union dem Islamismus in durchaus absehbarer Zeit als warmes Nest auszuliefern. Ich sehe da keine Unterschiede zu den rotgrünen Multikulti-Freaks in Berlin. Und schließlich Rußland, ein Armen- und Elendshaus und auch mit antideutschen Ressentiments zumindest in Teilen seiner politischen Klasse wie eh und je. Mir wird bang und bänger, wenn ich an Deutschland in der Mitte denke, und ich kann auch die Bängnis der Esten und Polen verstehen. Multipolarität, auch gegenüber den USA, ist wünschenswert. Aber das Konzept, lieber Günter Zehm, das Sie vorschlagen, entspringt offenbar eher intellektuellen Wünschbarkeiten als dem konservativen „Prinzip Wirklichkeit“ – schade. Prof. Dr. Klaus Hornung ist Politikwissenschaftler und Präsident des Studienzentrums Weikersheim.

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