Ohne USA?

Über eine „Militäraktion“ der Vereinigten Staaten gegen den Irak kann man gewiß geteilter Meinung sein. Obwohl seit meinen Jugendjahren um 1950 Verfechter der deutschen Westoption und des Nato-Bündnisses, befremdet auch mich manches an der Machtarroganz der heutigen Supermacht. Doch ein Szenario geht mir derzeit nicht aus dem Kopf: Was wäre mit Deutschland und Europa in der Abwehr des islamischen Fundamentalismus und Terrorismus ohne die Macht jenseits des Atlantik? Unser Weltteil würde wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen durcheinander laufen unter der Drohung von al-Quaida, etwa von Selbstmordattentätern in Unterführungen, Bahnhöfen, Parkhäusern, auf Flughäfen, vor Banken und Konzernzentralen! Man kann es sich ausmalen, wie insbesondere die deutschen Friedensbewegten, Gutmenschen und Kirchen reagieren würden. Dann hieße es vollends: auf Fundamentalisten solle man nicht fundamentalistisch antworten (Präses Kock), den Kampf der Kulturen solle man nicht zur Kenntnis nehmen und den von christlicher Seite ängstlichen Dialogbetrieb mit dem Islam solle man – als „Alternative“ – aktivieren. Die Tage wären abzusehen, da zum Zeichen unserer Friedfertigkeit die ersten grünen Fahnen des Propheten von den Gutmenschen gehißt würden. Die Fahnenstange des prinzipiellen Pazifismus endete in der Geschichte meist mit der Kapitulation. Und die will ich heute so wenig gegenüber dem Islamismus wie vor 20 Jahren gegenüber den Kommunisten. Man kann sich zwar fragen, was der Kontinentalstaat Deutschland im Nahen Osten zu suchen hat, wo die angelsächsischen Seemächte seit 100 Jahren das Sagen hatten und auch manchen Unfug stifteten. Gleichwohl ist die Unprofessionalität, der strategische Dilettantismus der rotgrünen Berliner Regierung bestürzend. Da hat Paris in den letzten Wochen durchaus besser gespielt. Im übrigen ist die waffentechnologische Lücke zwischen den beiden Atlantik-Ufern so groß geworden, daß die Bundeswehr im Nahen Osten ohnedies eher hinderlich wäre. Unser jahrzehntelanger Primat der Innenpolitik und wohlfahrtsstaatlichen Bequemlichkeit hat Deutschland längst zu einem drittklassigen internationalen Faktor werden lassen. Aber eines darf in der Tat nicht passieren: daß es dem Diktator in Bagdad gelingt, das atlantische Bündnis durch die derzeitigen Differenzen zwischen Europa und Amerika zu zerbrechen. Auch hier gilt die alte Regel: Man darf das Geschirr nicht zerdeppern, von dem man morgen wieder essen muß und will. Prof. Dr. Klaus Hornung ist Politikwissenschaftler und Präsident des Studienzentrums Weikersheim.

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