Marschall Tito ist wieder unter uns Carl Gustaf Ströhm

Auf den Plakatwänden von Dubrovnik prangte dieser Tage ein dereinst vertrautes Bild: „Marschall Tito ist wieder unter uns“, hieß es da – und man kündigte an, der legendäre jugoslawische KP-Chef werde gemeinsam mit der Rockgruppe „Die Taranteln“ in einer Disco auftreten. Einige Bürger der Stadt, die unter den Kommunisten viel zu leiden hatten, fanden diese „Auferstehung Titos“ gar nicht lustig. Sie klebten ein Flugblatt neben das Konterfrei des roten Marschalls, in dem es hieß: „Genosse Tito, wir danken Dir für die Hunderttausende von Ermordeten, die Du auf Deinem Gewissen hast. Wir danken Dir, daß Du die Adria-Insel Daksa in eine Hinrichtungsstätte und einen Friedhof verwandelt hast, in dem die Knochen der auf Deinen Befehl umgebrachten Dubrovniker Bürger ruhen. Und wir danken Dir schließlich, daß Deine gelehrigen Schüler und Anhänger heute wieder unser Land regieren.“ Kroatien befindet sich heute in einem seltsamen Schwebezustand. Im vierten Jahr ihrer Amtsführung hat die von KP-Kadern dominierte Linksregierung keine Wende zum Besseren herbeiführen können. Die soziale Lage ist verzweifelter denn je. In den Zeitungen liest man fast täglich vom Bankrott großer Betriebe, von bevorstehenden Streiks, von Blockaden unzufriedener Busfahrer. Als der Ministerpräsident neulich an den Autobahnauffahrten Richtung Adria an staugeplagte Touristen Straßenkarten verteilte, meinte eine Kommentatorin spitz, Ivica Racan und sein Kabinett hätten sich lieber um die Errichtung zeitgemäßer Toilettenanlagen an den Staatsgrenzen kümmern sollen. An den Klosetts werde nämlich der zivilisatorische Standard eines Landes gemessen. Ein junger Kroate der zweiten Generation aus den USA – seine Eltern waren nach 1945 vor den Kommunisten geflüchtet – erzählte kürzlich, er würde an sich gerne ganz in die Heimat zurückkehren und hier einen Betrieb aufmachen. Aber in Kroatien herrsche noch immer eine rigorose, von Tito geerbte Bürokratie, die es glänzend verstehe, jede Aktivität, die nicht von der „Nomenklatura“ kontrolliert werde, zunichte zu machen. Er spiele nun mit dem Gedanken, wieder reumütig nach Amerika umzuziehen. In Kroatien gehe einfach nichts vorwärts, es sei, als renne man gegen eine Wand an. Immer öfter hört man den Vorwurf, die schleppende Privatisierung der Industrie werde von den regierenden Postkommunisten (SDP) kontrolliert und hintertrieben. „Die Privatisierung erstickt im Clinch der Politik“, erklärte die Chefvolkswirtin der PBZ-Bank, Martina Dalic. Und ein anderer Ökonom, Zeljko Lovrinovic vom Wirtschaftsinstitut in Zagreb, wirft der Regierung vor, bislang so gut wie nichts privatisiert zu haben. Selbst Parlamentspräsident Zlatko Tomcic von der mitregierenden Bauernpartei (HSS) richtete scharfe Angriffe gegen den „starken Mann“ der kroatischen Wirtschaftspolitik, Slavko Linic. Der SDP-Funktionär habe eine der größten Werften Kroatiens an den Rand des Bankrotts geführt. In Dubrovnik, dessen von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärte Altstadt inzwischen wieder von Touristen überquillt, begannen dieser Tage die 54. Festspiele. Doch auch die kroatische Kultur steht im Zeichen der Globalisierung: Neuerdings wird das Programm auf englisch „gleichgeschaltet“. Konzerte und Dramen werden als „After Sun Experience“ angekündigt. Daß sich das einstige Ragusa in eine Art Disneyland verwandelt, ist nicht auszuschließen. Das aber ist eine Gefahr, die nicht nur dort droht.

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