„Keinen einzigen Menschen im Stich lassen“

Die Generalversammlung der Uno hat letzte Woche mit überwältigender Mehrheit Israel wegen des Baus hochsicherer Grenzanlagen verurteilt und aufgefordert, den weiteren Ausbau der „Mauer“ einzustellen und die bisher fertiggestellten Teile abzureißen. Der UN-Beschluß überrascht nicht. Kein Land der Welt wurde in den verschiedenen Uno-Gremien öfter verurteilt als Israel – und das nicht nur in bezug auf die besagte Grenzmauer oder die Militäraktionen gegen die seit drei Jahren tobende zweite palästinensische „Intifada“, die bei den Palästinensern bislang etwa 3.000 Tote kostete. Allerdings wird bei der Uno mit zweierlei Maß gemessen: Im Sudan sind im Verlauf des Bürgerkrieges etwa zwei Millionen Menschen umgekommen – keine UN-Resolution hat das Regime von General Omar Bashir verurteilt. In Tschetschenien sind der russischen Armee mehrere zehntausend Menschen zum Opfer gefallen – bei einer Gesamtbevölkerung von etwa einer Million. Keine Resolution hat die Veto-Macht Rußland verurteilt. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Deswegen ist es auch nicht erstaunlich, daß die israelische Regierung nach der Abstimmung in New York postwendend erklärt hat, sie werde unbeirrt die Trennungsmauer weiterbauen. Doch was veranlaßt Premier Ariel Scharon, der „internationalen Gemeinschaft“ einmal mehr zu trotzen und an der Trennungsmauer festzuhalten? Terrorismusexperten sind sich weltweit einig, daß es gegen Selbstmordattentäter keinen vollständigen Schutz geben kann. In Israel wiegt sich niemand in der Illusion, daß der Sperrwall, der jetzt zwischen Israel und dem palästinensischen Westjor-danland errichtet wird, dem Terror völligen Einhalt gebieten kann. Aber es geht hier nicht um Statistik, sondern um absolute Zahlen und um eine weltanschauliche Frage, die tief im jüdischen Ethos verankert ist. Im Zusammenhang mit den (mehr oder weniger geheimen) Verhandlungen um den Austausch einer israelischen Geisel (Elhanan Tannenbaum) gegen eine hohe Anzahl von palästinensischen und libanesischen Häftlingen hat Scharon einen Satz fallenlassen, der Aufschluß gibt: „Wir dürfen keinen einzigen Menschen im Stich lassen“. Im Klartext: Wenn der Bau der Trennungsmauer auch nur einen einzigen Selbstmordattentäter aufhält und damit ein einziges jüdisches Leben rettet, dann muß die Mauer gebaut werden. Die internationalen Medien berichten lediglich über vollzogene Selbstmordanschläge der Palästinenser und über die darauf folgenden Vergeltungsschläge der Israelis. Über die von den israelischen Sicherheitskräften und der Armee vereitelten Terroranschläge – ein Vielfaches der vollzogenen Selbstmorde – wird nichts oder nur sehr wenig berichtet. Daher ist das weitverbreitete Unverständnis gegenüber der tiefen ethischen Grundlage der Trennungsmauer nicht überraschend. Der Punkt, über den man ernsthaft streiten kann, ist nicht die „Mauer“ an sich, sondern ihr Verlauf. Im großen und ganzen sollte sie entlang der „grünen Linie“ verlaufen – der Waffenstillstandslinie nach dem israelisch-arabischen Sechs-Tage-Krieg von 1967. Jedoch sind in den letzten 36 Jahren zahlreiche Siedlungen östlich des israelischen Kernlandes – in den besetzten palästinensischen Gebieten – entstanden. In den „Territorien“ („Schtachim“) leben etwa 200.000 Siedler. Ein Teil dieser Siedlungen erfüllt handfeste sicherheitspolitische Kriterien. So verlief etwa die alte Trennungslinie lediglich 14 Kilometer vor der Stadtgrenze von Tel Aviv. Ein anderer Teil der Siedlungen ist religiös motiviert: „Fundamentalistische“ Juden leben hier ihren Traum vom biblischen Groß-Israel. Nun stellt sich die Frage: Welche Siedlungen sollen unter den Schutz der Mauer kommen, welche nicht? Doch für das subjektive Empfinden der Palästinenser bedeutet die Trennungsmauer eine unverkennbare Demütigung. Für die palästinensische Landwirte, auf deren Boden die Trennungsmauer verläuft, bedeutet sie ohne Zweifel einen herben materiellen Verlust – auch wenn sie Entschädigung erhalten sollten. Es hat daher schon einen triftigen Grund, wenn die palästinensischen Behörden neuerdings ihre Drohung wiederholt haben, den Verkauf von Land an Israelis mit der Todesstrafe zu ahnden. Aber im Kontext der erwähnten ethischen Dimension des Mauerbaus drängt sich auch die eine weitere berechtigte Frage auf: Inwiefern soll man auf das subjektive Empfinden einer Bevölkerung Rücksicht nehmen, die mit großer Mehrheit (seriöse Umfragen belegen dies) die Selbstmordattentate billigt und die „Schachid“ (Märtyrer) als Heilige feiert und ehrt? Die ethischen und theologischen Kategorien, die im Nahostkonflikt zur Geltung kommen, bleiben dem abendländischen Menschen aber weitgehend unzugänglich und daher unverständlich.

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