Kein Angriff auf die Unabhängigkeit der Presse

Die renommierte Tageszeitung Le Monde wurde zum Gegenstand aufsehenerregender Enthüllun-gen. Das linke Blatt, das sonst so gerne Schlamm gegen andere schleudert, trifft es seit Ende Februar selber. In Frankreich befindet sich die Glaubwürdigkeit der Presse ebenso im freien Fall wie die Auflagenzahlen. Weniger als 40 Prozent der über 15 Jahre alten Franzosen lesen noch regelmäßig eine Tageszeitung – in den fünfziger Jahren waren dies fast 55 Prozent. Die populäre Boulevardzeitung France-Soir etwa, die damals eine Auflage von 1,5 Millionen hatte, verkauft heute nur noch ein Zehntel davon. An dieser Krise ist nicht allein das Fernsehen schuld, sondern die französische Presse leidet an einer Reihe von Erbkrankheiten: staatliche Subventionen, Gemauschel mit der politischen Klasse, Zentralismus. Unter diesen Vorzeichen mußte von Pierre Péans und Philippe Cohens Buch „La Face cachée du Monde“ („Das verhüllte Gesicht von Le Monde“) einen Sturm auslösen. Noch bevor es in den Buchhandel kam, sorgten Artikel im Wochenblatt L’Express und in der Satirezeitschrift Le Canard Enchaîne dafür, daß diese Dokumentation ein Verkaufsschlager wurde. Nach einer Woche war die Erstauflage von 60.000 Stück vergriffen, mehr als doppelt so viel wurde nachgedruckt. Le Monde hat den Status einer republikanischen Institution und stellt mit einer Auflage von offiziell über 400.000 Exemplaren für viele Franzosen die wichtigste Informationsquelle dar – noch vor dem bürgerlichen Le Figaro und der linksliberalen Libération. Nur das bürgerliche Boulevardblatt Le Parisien verkauft mehr als Le Monde. 1944 durch Hubert Beuve-Méry auf Verlangen General de Gaulles gegründet, trat Le Monde die Nachfolge der Tageszeitung Le Temps an, die durch ihre Rolle in den Kriegsjahren als kompromittiert galt. Das Aushängeschild der französischen Presse wird in allen Ministerien und Ämtern gelesen, von der politischen Klasse, den Intellektuellen, den Entscheidungsträgern wie von Studenten – vor allem, wenn sie Politikwissenschaften studieren oder gar die Kaderschmiede ENA (École nationale d’Administration) besuchen. Was in Le Monde steht, wird fast automatisch im Fernsehen und Radio zitiert. Auch die französische Presseagentur AFP, deren Rolle als Verteiler vorgefertigter Informationen nur wenigen Zeitungslesern bewußt ist, beruft sich auf Le Monde. So konnte diese Zeitung sich seit nunmehr fast sechs Jahrzehnten ein moralisches und ideologisches Monopol sichern. Der leiseste Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit kommt dem Versuch gleich, die Tempelsäulen des republikanischen Gutmenschentums zum Einsturz zu bringen. Genau dies ist die Wirkung, die das Buch von Péan und Cohen erzielte, indem es aufzeigt, wie in einer demokratischen Gesellschaft Informationen instrumentalisiert werden. Péan machte sich einen Namen mit der Aufdeckung pikanter Geschichten wie etwa der Sympathien, die François Mitterrand vor und während des Zweiten Weltkrieges für französische nationalistische Rechte hegte. Cohen, früher selbst bei Le Monde, ist für das Wirtschaftsressort des satirischen Enthüllungsmagazins Marianne zuständig. Beide fördern Hochinteressantes über die Geschäftspraktiken und Lebensläufe der Männer zutage, die gegenwärtig in den Le Monde-Chefsesseln sitzen. Die erste Nahaufnahme ist dem Le Monde-Redaktionsdirektor Edwy Plenel gewidmet. Dieser Sohn eines hochrangigen Beamten tat sich zunächst als äußerst rühriger trotzkistischer Aktivist hervor. Seine ersten journalistischen Schritte machte er bei den ehrwürdigen Publikationen Rouge und Barricades. Man braucht sich also nicht zu wundern, wenn Alain Krivine, seit 35 Jahren Chef der trotzkistischen Partei Ligue communiste révolutionnaire (LCR), sich regelmäßig in Le Monde zu Wort melden darf. So überraschte es nicht, daß der erst 28jährige LCR-Präsidentschaftskandidat Olivier Besancenot 2002 immerhin 4,3 Prozent erzielte – mehr als der Altkommunist Robert Hue (3,4 Prozent). Auch daß das Blatt am 6. Juni 2001 mit der „Enthüllung“ der trotzkistischen Vergangenheit des damaligen sozialistischen Premiers Lionel Jospins aufmachte, wäre damit erklärt. Weiter erfährt man, welche Rolle Plenel bei der Anwerbung unzähliger Journalisten aus dem Trotzkisten-Milieu gespielt hat, dem etwa fünfzehn Prozent aller gegenwärtigen Mitarbeiter der Zeitung entstammen sollen. Péan und Cohen stellen Plenels diktatorischen Methoden an den Pranger und werfen ihm fragwürdige Beziehungen zu dem ehemaligen Generalsekretär des Polizeigewerkschaftsverbandes FASP, Bernard Deleplace, und dem Rechts-Gaullisten Charles Pasqua vor. Manipulation der öffentlichen Meinung Die Manipulation der öffentlichen Meinung geht weit über das hinaus, was journalistisch legitimiert ist. Als Beispiele nennen Péan und Cohen die Unterstützung von Édouard Balladurs Kandidatur gegen Präsident Mitterrand 1995, die systematische Verunglimpfung des linksnationalen Ex-Sozialisten Jean-Pierre Chevènements, die erbitterte Hetze gegen Präsident Jacques Chirac und des sozialistischen Ex-Außenministers Roland Dumas, dem Le Monde mehr als hundert Blattaufmacher widmete. Die beiden Autoren zeigen auf, wie „Affären“ künstlich hochgeschaukelt wurden, sie veranschaulichen die Entgleisungen eines vermeintlich kritischen Journalismus, der sich in Wirklichkeit auf den Austausch von Gefälligkeiten mit Informanten, Untersuchungsrichtern, Anwälten, Polizisten und Organisatoren von „Enthüllungen“ beläuft. Am meisten Aufsehen erregte der Angriff gegen das Triumvirat Plenel, Jean-Marie Colombani und Alain Minc, das seit einem zwielichtigen juristisch-finanziellen Putsch im März 1994 die Geschicke der Zeitung leitet. Die damals gegründete Le Monde SA ist ein Gebilde aus sieben Gesellschaften, an dem die Journalisten mit 30 Prozent eine Sperrminorität halten. So hat die Redaktion immerhin das Sagen bei der Wahl des Aufsichtsratschefs (Alain Minc) und des Vorstandsvorsitzenden (Jean-Marie Colombani). Péan und Cohen werfen der Führungsriege vor, das „jansenistische“ (katholisch-romkritische) Erbe von Beuve-Méry veruntreut zu haben, um eine vergleichsweise objektive Zeitung in ein Instrument ihres Größenwahns zu verwandeln. Ihre Geschäftspraktiken der Einschüchterung, Erpressung und Inszenierung von Kampagnen verfälschten sowohl die Auswertung der Fakten als auch den redaktionellen Gehalt. Besonders scharf fällt Péans und Cohens Kritik an den Methoden aus, mit denen die Finanzkrise und die ständig fallenden Auflagezahlen übertüncht werden. Zum Beispiel besteht ein Abkommen mit der staatlichen Fluggesellschaft Air France, die Exemplare der Zeitung kostenlos an ihre Passagiere verteilt, um die Auflage zu erhöhen. Die Verschuldung des Le Monde-Konzerns soll schwindelerregend sein. Die Autoren decken auf, wie der Aufsichtsratsvorsitzende Alain Minc, ein Geschäftsmann, der sich als Denker ausgibt, mit Hilfe „finanzieller Montagen“ den Einfluß des Konzerns auf die gesamte französische Presse noch auszuweiten sucht. Dieser ist bereits mit einem Aktienanteil von dreißig Prozent an der Verlagsgruppe Midi libre beteiligt und strebt eine mehrheitliche Beteiligung an. Dasselbe gilt für die Publikationen von Vie catholique. Télérama sowie die Wochenzeitung Le Nouvel Observateur könnten demnächst folgen. Diese Vorwürfe sind keineswegs neu. Daß die Berichterstattung in Le Monde nur vermeintlich objektiv ist, weiß jeder, der sich an die schändliche Schlagzeile erinnert, mit der die Zeitung den Einmarsch kommunistischer Truppen in der südvietnamesischen Hauptstadt begrüßte: „Die Befreiung Saigons“. Als 1981 Mitterand Präsident wurde und gleichzeitig eine sozialistisch-kommunistische Koalition die Regierungsgeschäfte übernahm, handelte sich die von einer Oppositionszeitung zu einem Regierungsblatt gewandelte Le Monde den Spitznamen „Pariser Prawda“ ein. Schon in den siebziger Jahren hatte Michel Legris, ein Ex-Mitarbeiter der Zeitung, in einer Anklageschrift mit dem Titel „Le Monde tel qu’il est“ das „wahre Gesicht“ der Zeitung enthüllt. Sein Buch stieß in Journalistenkreisen auf Interesse und schlug ein paar Wellen, ohne aber irgend etwas ins Wanken zu bringen. Heute sieht es völlig anders aus. Der unaufhaltsame Zusammenbruch des französischen Systems läßt auch den Zusammenhalt der politischen Klasse allmählich bröcklig werden. Einige Mitglieder der Meinungsmafia, so etwa der Pariser Literaturpapst und ehemalige Maoist Philippe Sollers, haben sich hinter Colombani, Plenel und Minc gestellt, andere aber lachen sich ins Fäustchen. Denis Jeambar, der Herausgeber der Wochenzeitung L’Express, nahm kein Blatt vor den Mund: „Seit Jahren verteilt Le Monde im Namen der ‚Moral‘ gute und schlechte Noten an andere. (…) Daß die Zeitung ihrerseits bloßgestellt wird, ist also nur normal in Anbetracht dessen, was sie für andere propagiert.“ Nur „Haßtirade“ und „Verleumdungskampagne“? Daß Péan und Cohen Le Monde einen schweren Schlag versetzt haben, zeigt sich schon daran, daß die Führungsriege der Zeitung zunächst nur mit wüsten Schmähungen und der Androhung von juristischen Schritten reagierte. Plenel sah sich aber schon am 26. Februar, dem Erscheinungstag des Buches, genötigt, in einem Artikel mit dem Titel „Ist Le Monde eine Gefahr für die Demokratie?“ zu reagieren: „Während die Anwälte sich bereitmachen, wegen öffentlicher Diffamierung Klage zu führen, hat unsere Zeitung beschlossen, ihre Leser über ihre wirtschaftliche Strategie, ihre Beziehungen zu ihren Geschäftspartnern und die strikte Überwachung ihrer Finanzen zu informieren“ – doch auf diese Einleitung folgen keine entlastenden Fakten, sondern Beschimpfungen. Das Buch sei eine „Haßtirade“ und „Verleumdungskampagne“ sowie ein Angriff auf die Unabhängigkeit der Presse insgesamt. Am 7. März wandte Colombani sich in einem Leitartikel „An unsere Leser“, und die Zeitung widmete dem Versuch, die Vorwürfe zu widerlegen, immerhin drei Seiten. Offenbar enthält das Buch tatsächlich zahlreiche faktische Fehler, etwa falsch geschriebene Namen und ähnliches. Inoffiziell wurden die beiden Autoren sogar des „Faschismus“ bezichtigt, in der Öffentlichkeit immerhin eines „gehässigen Komplotts“. Das zeigt, daß die Vorwürfe ins Schwarze treffen. Enthüllungsbuch über „Le Monde“: Ehemalige Trotzkisten spielen eine wichtige Rolle in der Zeitung Pierre Péan und Philippe Cohen: La face cachée du Monde. Du contre-pouvoir aux abus de pouvoir. Paris: Mille et Une Nuit, 2003. 631 Seiten, 24 Euro.

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