In Rußland gelten andere Regeln Carl Gustaf Ströhm

Es bedarf gelegentlich eines großen Donnerwetters, um Schlafende unsanft aus ihren Träumen zu wecken. Ein solcher Traum ist dieser Tage in einigen westlichen Köpfen zerstoben: der Traum, man könne Rußland mit ein paar Adaptationen in eine Demokratie westlichen Zuschnitts verwandeln. Dazu genügte es – so meinten gewisse Zauberlehrlinge und selbsternannte „Rußland-Experten“ -, den Russen das allgemeine Wahlrecht sowie eine umfassende Privatisierung zu verschreiben. Präsident Wladimir Putin -einst KGB-Offizier in Dresden – wurde geradezu als Vollstrecker der „Verwestlichung“ Rußlands hochgelobt. Man sprach davon, Rußland könne eines Tages EU-Mitglied werden (und natürlich tat Putin alles, um dieser Hoffnung Nahrung zu geben – siehe den jüngsten EU-Gipfel). Der scheidende Nato-Generalsekretär Lord Robertson sah sogar, wenn auch in fernerer Perspektive, die Russische Föderation bereits als Vollmitglied des westlichen Militärbündnisses. Da erinnert man sich freilich des Stoßseufzers eines westlichen Diplomaten, der kopfschüttelnd über die Realitätsferne mancher Politiker meinte: „Wenn die Russen in der Nato sind – wozu brauchen wir dann überhaupt die Nato?“ Jetzt zeigen sich hochmögende westliche Analytiker entsetzt, daß Putin den Erdöl-Multimilliardär Michail Chodorkowski verhaften ließ – nicht, weil dieser sich bei der Privatisierung des Staatsvermögens durch üble Tricks ein Riesenvermögen „angelacht“ hatte (da gäbe es in Rußland viele, die zu verhaften wären) – sondern weil er die machtpolitischen Kreise des Kreml-Herren störte. „Steuert Putin die KGB-Leute, oder steuern die KGB-Leute ihn?“ lautet eine bange Frage – und daran schließt sich das Lamento an, Rußland nehme nicht die Entwicklung zu einer „liberalen Demokratie“. Da kann man allerdings den guten Schiller zitieren: „Spät kommt ihr, doch ihr kommt!“ Welcher halbwegs mit russischen Dingen (und der russischen Sprache) vertraute Beobachter konnte jemals glauben, daß Liberalismus und Demokratie die Zukunft Rußlands bestimmen würden? Unter dem Einfluß einer linksgerichteten und daher exkulpatorischen Geschichtsschreibung meinten sogar höchste westliche Würdenträger, es genüge eine deftige „Männerfreundschaft“ zum jeweiligen Kreml-Chef – und Rußland werde sich schon handzahm in die westliche Ordnung einfügen. Bei Rußland-Besuchen, die meist nicht über Moskau und Petersburg hinausführten, sahen die Westler eine Fassade von Coca-Cola- und „Fast Food“-Reklamen samt heißen Nachtklubs und der üblichen Prostitution, um zum Schluß zu gelangen – endlich seien die Russen im „Westen“ angekommen. Aber Rußland ist nicht der Westen und wird es in absehbarer Zeit nicht sein. Auch in seiner jetzigen abgeschwächten Form birgt es Tausende von Atomwaffen – und es ist nur natürlich, daß es sich mit seiner Niederlage und Demütigung von 1991 nicht abgefunden hat. Den in Armut und Elend lebenden Volksmassen gilt es wenig, daß Chodorkowski und Co. nicht der Segnungen des Rechtsstaates und des habeas corpus teilhaftig werden. Die Mehrheit der Russen hätte wohl nichts dagegen, würde man Chodorkowski nach altbewährter KGB-Manier enteignen und anschließend an die Kreml-Wand stellen. Nein, in Rußland gelten andere Regeln. Wer das nicht begreift, lügt sich in die eigene Tasche.

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