Illegale Veteranen in Estland Carl Gustaf Ströhm

Wie schwer das sowjetische Erbe heute noch auf dem Baltikum lastet, zeigt die Diskussion um die sogenannte russische Minderheit in Estland. Es ist eine schier endlose Geschichte, mit tragischen Aspekten auf beiden Seiten – bei den Russen, die seinerzeit als Angehörige der sowjetischen Okkupationsarmee nach Estland kamen und jetzt die Welt nicht mehr verstehen. Aber auch bei vielen Esten, die sich als kleines Volk durch die „russische Dampfwalze“ bedroht fühlen. Dieser Tage veröffentlichte die in Reval/Tallinn erscheinende russische Zeitung Molodjosch Estonii (Jugend Estlands) einen Brief zweier alter Leute an Staatschef Arnold Rüütel: „Sehr geehrter Präsident Estlands, es wenden sich an Sie zwei Rentner und Invaliden, Ljudmila Nikolajewna Doroschenko, geb. 1928, und Grigorii Gawrilowitsch Doroschenko, geb. 1923, Teilnehmer am Großen Vaterländischen Krieg, beide wohnhaft in Paldiski … Beide haben wir eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis.“ Nun hat das alte russische Ehepaar einen Sohn Wladimir, der 1949 im (damals sowjetischen) Estland geboren wurde und „sein ganzes Leben dort verbracht, das Tallinner Bautechnikum absolviert, seinen Wehrdienst bei der Sowjetarmee geleistet, geheiratet hat und Vater dreier Kinder ist.“ Dem Sohn aber werde die Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert, weil er sowjetischer Soldat war. Aber ohne ihren Sohnes seien die Eltern völlig hilflos. Sie könnten sich nicht bewegen, denn die Frau gehe auf Krücken, der Mann sitze im Rollstuhl. Die alten Leute baten den Präsidenten, für ihren Sohn eine Ausnahme zu machen: er sei ein anständiger, arbeitsamer und fürsorglicher Mensch. Eine Gefahr für Estland stelle er nicht dar, weil dies ja seine Heimat sei. Aber sowohl das estnische Innenministerium wie auch der Präsident zeigten sich außerstande, eine Ausnahme zu machen. Wladimir Doroschenko muß Estland mit seiner Ehefrau verlassen – nur seine volljährigen Kinder können bleiben. „Was aber wird aus uns alten Leuten?“, fragen die Invaliden Doroschenko verzweifelt. Und was macht der Sohn in Rußland, wo er niemanden kennt und niemals gelebt hat? Nach dem im März in Kraft getretenen estnischen Ausländergesetz wird jede Person, die sich ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung im Lande aufhält, mit bis zu 18.000 Kronen Geldstrafe (1.150 Euro) Geldstrafe oder Gefängnis bis zu 30 Tagen belegt. Außerdem können illegale Ausländer zwei Tage, nachdem sie aufgegriffen wurden, über die Grenze abgeschoben werden. Wer aber als „Illegaler“ Estland verlassen muß, erhält automatisch ein Einreiseverbot für zehn Jahre. Das heißt, daß die Doroschenkos keine Chance haben, ihren Sohn wiederzusehen. Der Vorschlag der estnischen Behörden, die Alten sollten doch mit ihrem Sohn nach Rußland ziehen, stieß auf völliges Unverständnis. Sie sind Russen ohne Rußland, die ihr Leben in Estland verbracht haben. Das ist die eine Seite der Medaille. Andererseits gibt es heute 4.410 Ex-Sowjetoffiziere, die in Estland leben, dazu kommen noch 2.178 Familienmitglieder. Nicht alle sind so harmlos wie das alte Ehepaar. Bei den Esten herrscht immer noch der Verdacht, die Sowjetveteranen hätten sich mit der Unabhängigkeit Estlands nicht abgefunden und warteten nur darauf, bis Mütterchen Rußland zurückkehrt. Hinzu kommt die demographische Entwicklung: Bis zum Jahr 2050 wird sich die Bevölkerung Estlands halbieren – dann wird es nur noch eine halbe Million Esten geben. Rußland aber stirbt nicht so schnell aus.

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