Falle Kabul

Sieben Schwerverletzte, vier Tote – schon wieder sind Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan ums Leben gekommen. Man wüßte gerne, wofür sie gestorben sind. Daß Deutschland am Hindukusch verteidigt wird, wie Minister Struck behauptet, ist blühender Unsinn. In Wahrheit sind die 2.500 deutschen Soldaten in Afghanistan, weil Washington dies verlangte und weil Berlin nicht wagte, Nein zu sagen. Irgendwelche deutsche Interessen sind hier nicht zu erkennen. Der Ablauf ist ähnlich wie in Irak: Die USA bombardieren, marschieren ein – und dann stellt sich heraus, daß sie allein nicht imstande sind, für Ruhe und Ordnung zu sorgen und ihren besatzungsrechtlichen Pflichten nachzukommen. In Jürgen Todenhöfers Buch kann man nachlesen, daß das Taliban-Regime zuletzt bereit war, die Mitglieder von Al-Qaida auszuweisen. So kam es, daß Afghanistan, nachdem gerade ein mörderischer Bürgerkrieg geendet hatte, aufs neue und auf unabsehbare Zeit destabilisiert wurde. Ein (oberflächlicher) militärischer Erfolg, ein politisches Fiasko. Heute steht das Land am Rande des Abgrunds. In Kabul regiert eine Marionettenregierung, in den Provinzen herrschen die Warlords, in weiten Teilen des Landes grassieren Gewalt und Kriminalität, die Straßen sind unsicher, die Produktion von Schlafmohn, die von den Taliban beendet worden war, wird 2003 einen neuen Rekord erreichen (und gewisse Minister in Kabul werden mitverdienen). Chaotische Zustände, aus denen sich Deutschland von Anfang an hätte heraushalten sollen. Jetzt sitzt die Bundeswehr in Kabul in der Falle. Wird sie abgezogen, sind die Amerikaner entrüstet. Bleibt sie, werden mehr und mehr Opfer zu beklagen sein: Bittere Konsequenzen eines Einsatzes, der von Anfang an in Berlin nicht durchdacht wurde und der möglichst bald vom Bundestag zeitlich begrenzt werden sollte. Auch abgesehen von Afghanistan macht die deutsche Militärpolitik einen hilflosen, konfusen Eindruck. Sie stellt sich einer angeblichen internationalen Verantwortung. Nur kann niemand definieren, woraus diese eigentlich besteht. Die USA haben seit dem Ende des Kalten Krieges die Nato nach und nach umfunktioniert: von einem Verteidigungsbündnis zu einem Dienstleistungsbetrieb ihrer globalen Interventionspolitik. Daß Deutsche und Franzosen dies billigend in Kauf genommen haben, wird sich als Fehler herausstellen. An der objektiven Unvereinbarkeit der Interessen könnte die Nato noch in diesem Jahrzehnt zerbrechen. Prof. Dr. Bruno Bandulet ist Herausgeber des Deutschland-Briefes und des Finanzdienstes G&M.

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