Joachim Kuhs

 

Die Kluft zwischen Laibach und Belgrad wächst

Die heutige Medienwelt hat keine Zeit mehr, ihre Toten zu betrauern. So ist auch Serbiens Ministerpräsident Zoran Djindjic, der vor zwei Wochen einem Attentat zum Opfer fiel, kurz nach seiner Beerdigung aus den Schlagzeilen verschwunden. Die Welt hat keine Zeit für das geschundene Serbien – im Schatten des beginnenden Irak-Krieges fiel Djindjic dem allgemeinen Vergessen anheim. Ebenso geriet ein anderes Land des europäischen Südostens in den Windschatten der Aufmerksamkeit. Unter normalen Umständen hätte die Tatsache, daß 90 Prozent der Slowenen in einem Referendum für den EU-Beitritt stimmten, als Sensation gewirkt. Aber angesichts der dramatischen Nachrichten aus Bagdad ging dieses europäische Bekenntnis weitgehend unter. Bemerkenswert ist, daß die Slowenen aber einen deutlichen Unterschied zwischen der EU- und der Nato-Mitgliedschaft machten, über die gleichzeitig abgestimmt wurde – für den Beitritt zum atlantischen Bündnis votierten nur knapp zwei Drittel. Doch die beiden Zahlen täuschen: die Beteiligung am vergangenen Sonntag war niedrig – bei nur 60 Prozent. Das bedeutet, daß auch in Slowenien die zweitstärkste „Partei“ von den Nichtwählern gestellt wird – und für die Nato eigentlich keine eindeutige Mehrheit besteht. Der Unterschied zwischen der enormen EU-Begeisterung und der gedämpften Nato-Akzeptanz ist leicht zu erklären. In der EU wittern die geschäftstüchtigen Slowenen große ökonomische Chancen. Das Nato-Bündnis hingegen hat einiges von seinem früheren Glanz eingebüßt. Die Vorstellung, junge Slowenen in den Hochtälern Afghanistans oder im Nahen Osten einzusetzen und im Extremfall opfern zu müssen, behagt vielen Slowenen nicht. Immerhin hat mit der slowenischen Entscheidung die erste Teilrepublik des früheren Tito-Jugoslawiens den Weg von der kommunistischen „Blockfreiheit“ in die euro-atlantische Integration gefunden. Nun hofft Kroatien, der südliche Nachbar, als nächster dranzukommen. Allerdings dürfte es mindestens vier Jahre – wenn nicht länger – dauern, bis Zagreb alle Anforderungen für eine Vollmitgliedschaft erfüllt hat. Bis dahin geht zwischen Slowenien und Kroatien der Schlagbaum der Schengen-Grenze nieder. Was das für den praktischen Grenzverkehr bedeutet, läßt sich heute kaum ausmalen. Serbien läßt sich nicht so einfach „verwestlichen“ Und ob Serbien überhaupt in absehbarer Zeit eine Chance hat, sich der EU oder Nato zu nähern, steht seit dem Attentat auf Djindjic vollends in den Sternen. Die Belgrader Schüsse auf den „Westler“ Djindjic haben nochmals den Unterschied zwischen dem orientalisch-byzantinisch-orthodoxen Serbien und den katholisch-westlich geformten Republiken Kroatien und Slowenien an den Tag gebracht. „Gerade als Serbien sich anschickte, der Welt und Europa nach dem Schrecken der Milosevic-Ära ein aufgeschlossenes europäisches Gesicht zu präsentieren, schlug der ‚klassische Balkan‘ mit seinen Geheimbünden, Verschwörungen und seiner Verflechtung zwischen Politik und Verbrechen gnadenlos zu“, erklärte ein Kenner der Region. Die von westlichen „Balkan-Experten“ genährte Hoffnung, Serbien lasse sich in absehbarer Zeit „verwestlichen“, wurde als Illusion entlarvt. Wer in diesen Tagen die serbische Boulevardpresse liest, kommt sich vor wie im Wilden Westen. So erklärte der serbische Vizepremier Cedomir Jovanovic, er werde vom Verfassungsgerichtshof der Republik unzweideutige Auskunft darüber einfordern, ob es im serbischen politischen Leben Parteien gebe, welche jene unterstützen, die den Ministerpräsidenten ermordet haben. Der Vizepremier sagte, der nach dem Djindjic-Mord proklamierte Ausnahmezustand werde nicht vor Ostern aufgehoben. Jovanovic griff dann die Präsidentin des Obersten Gerichts von Serbien, Leposava Karamarkovic, heftig an. Diese habe sich geweigert, jene Richter zu pensionieren, bei denen das möglich gewesen wäre. In welchem Maße die serbische Justiz mit „dunklen Kräften“ verbunden ist, zeigte sich, als nach dem Djindjic-Mord der stellvertretende Generalstaatsanwalt Serbiens, Milan Sarajlic, in den Verdacht einer Verbindung zum „Zemuner“ (Semliner) Mafia-Klan des flüchtigen „Bosses“ Milorad Lukovic geriet, der einer der Hauptverdächtigen bei der Djindjic-Ermordung ist. Der Kultusminister Serbiens, Branislav Lecic, spricht von einer Psychologie der Lynchjustiz. Nach der Ermordung von Djindjic seien einige Medien „bestraft“ worden, weil diese die Untersuchung des Attentats angeblich „behindert“ hätten. Bei Publikationen wie Identitet und National – die beide verboten wurden – bestehe der begründete Verdacht, daß maßgebliche Personen dieser Blätter intensive Verbindungen zum „Zemuner Klan“ unterhielten. Der Minister meint, es habe seit dem 5. Oktober 2000 (dem Datum des Machtwechsels in Serbien) eine koordinierte Aktion (sprich: Verschwörung zur Beseitigung von Djindjic gegeben. Man habe versucht, Djindjic als Kriminellen vorzuführen, da man ihn nicht mehr so wie zu kommunistischen Zeiten als „Verräter“ disqualifizieren konnte. Im übrigen hätten auch Journalisten mit dem „Klan“ kollaboriert. Es sollte somit der Eindruck verbreitet werden, wonach Djindjic selbst ein Krimineller sei. Inzwischen sollen im Zusammenhang mit dem Djidjic-Attentat angeblich über dreitausend Verdächtige verhaftet worden sein. Ein hoher serbischer Funktionär antwortete auf die Frage, ob es bei der Ermordung von Djindjic – außer der Spur ins organisierte Verbrechen – nicht auch politische Motive gebe, mit der kryptischen Feststellung: „Bei jedem Attentat dieser Art stehe im Hintergrund – die Politik.“

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