Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Die jungen Leute von Marienfels

Alwin Kirsch versteht die Welt nicht mehr. Der 71jährige ehemalige technische Angestellte ist seit 34 Jahren Ratsmitglied seiner Heimatgemeinde Marienfels im Taunus – nun steht er dort allein gegen alle. In der kleinen rheinland-pfälzischen Gemeinde schwelt ein Genrationenkonflikt, manifestiert im Streit um ein Gefallenendenkmal für Soldaten des Zweiten Weltkriegs (JF berichtete). Die überwiegend „jungen“ Mitglieder des Gemeinderates – die Alten im Dorf meinen damit die Nachkriegsgeborenen – wollen das Denkmal, das 1971 auf dem Gemeindefriedhof vom Kameradschaftsverband der Soldaten des 1. Panzerkorps der ehemaligen Waffen-SS e.V. errichtete wurde, am liebsten abräumen. Alwin Kirsch hat als einziger dagegen gestimmt. Geschlagen ging er nach Hause. Als er jedoch das Protokoll der Sitzung zu lesen bekam, schickte er es zurück an den Bürgermeister. Er will, daß die Mitschrift dokumentiert, warum er den Abriß abgelehnt hat: nämlich aus „christlich-sozialen Gründen“, denn das Denkmal erinnere schließlich an 20.000 junge Leben, die bis 1945 im Feld geblieben sind. Kirsch ist scheu gegenüber den Medien, will kaum mehr verraten als das, was er auch offiziell gesagt hat. Marienfels hat 370 Einwohner, es ist leicht vorstellbar, wie schnell jemand hier unter sozialen Druck geraten kann, wenn er wider den Stachel lökt. Oberstleutnant Günther Pusch sitzt an seinem Schreibtisch und hat gute Laune. Er ist Leiter des Presseinformationszentrums des Wehrbereichs II in Mainz, vom kleinen Marienfels hat er noch nichts gehört, erst recht nichts vom Streit um das Gefallenendenkmal. In der Nähe von Marienfels befinden sich lediglich zwei Depots der Bundeswehr, keine Garnision. Also ist Oberstleutnant Pusch der nächste Ansprechpartner von seiten der Bundeswehr. Schon kurz nachdem er den Hörer abgenommen hat, verfliegt die Freundlichkeit des Mannes mit der gemütlichen Dialektfärbung, denn die Nachfragen drehen sich um die heikle Beziehung zwischen Soldaten der Bundeswehr und Soldaten des Zweiten Weltkrieges. „Kein Kommentar, das fällt nicht in unseren Zuständigkeitsbereich“, wiederholt Pusch nervös. Wie er denn dann persönlich dazu stehe, daß einerseits die Bundeswehr in Berlin das imperiale Siegesmal der Roten Armee pflege, man im Taunus aber nicht bereit sei, sich zu einem Zwei-Meter-Stein auf Sockel für die Gefallenen der eigenen Nation zu äußern? Persönlich, so der Soldat, habe man seine Meinung, er aber sei Presseoffizier und im Dienst. Wenig Begeisterung löst das Thema auch beim Deutschen Bundeswehrverband (DBwV) in Bonn aus. In seiner Verzweifelung hatte sich der Vorsitzende der Veteranenkameradschaft Claus Cordsen an den DBwV gewandt. Dessen Antwortschreiben, das der JF vorliegt, ist ablehnend: „Im Hinblick auf die nie auszuschließende Möglichkeit einer besonderen Systemnähe ehemaliger SS-Angehöriger zum damaligen Naziregime hat es der DBwV jedoch in derartigen Fällen stets ganz bewußt unterlassen, sich in irgendeiner Form zu engagieren.“ Dabei irritiert den Verband der Einsatz der Berliner Kameraden für die Rote Armee, der – 1918 von Leo Trotzki gegründet – eine nicht minder geringe „besondere Systemnähe“ zum „damaligen Stalinregime“ attestiert werden kann, offenbar nicht im geringsten. Marienfels hat acht Volksvertreter und einen Bürgermeister. Parteien gibt es nicht im Rathaus, hier wird direkt gewählt, per Mehrheitswahlrecht. Hier kennt eben jeder jeden. Wenn einer doch noch in einer Partei ist, so ist das sein Privatvergnügen und hat mit der Politik im Rathaus nichts zu tun. „Oh je, da stechen Sie in ein Wespennest“ Jedes Ratsmitglied ist also nur dem Wähler verpflichtet. Wirklich? In puncto Gefallenendenkmal trennt sich die demokratische Spreu vom Weizen: „Ich sag‘ nix!“ raunzt uns einer der Räte ins Telefon. „Aber Sie sind doch gewählter Gemeindevertreter! Haben Sie nicht das Gefühl, gegenüber den Bürgern ihre Abstimmungsverhalten vertreten zu müssen?“ „Das war eine nicht öffentliche Sitzung!“ „Können Sie nicht zu ihrer Entscheidung stehen?“ „Das kann ich jederzeit!“ „Also?“ „Ich sag‘ nix!“ Auch anderswo liegen offenbar die Nerven blank, die Mutter des jungen Feuerwehrkommandanten, den die JF nach seiner Meinung und der Stimmung im Ort befragen will, wirft abrupt den Hörer auf die Gabel, als sie hört, es gehe um das Gefallenendenkmal. „Rufen Sie später nochmal an, mein Mann ist nicht zu Hause“, bittet die Ehefrau eines weiteren Stadtrates. Als sie vernimmt, worum es geht, fügt sie kryptisch hinzu : „Oh je, da stechen Sie in ein Wespennest.“ Ihr Mann verweigert später jede Auskunft. Jürgen Schreiner dagegen verteidigt seine Entscheidung, er beharrt auf einen „fairen Umgang“ mit den Veteranen. Er erklärt sachlich, daß man keinesfalls etwas gegen die ehemaligen Soldaten oder gar das Denkmal an sich habe, lediglich die „rechtsgerichteten“ Jugendlichen, die sich dort in den letzten beiden Jahren zur Feierstunde der Veteranen versammelt hätten, sei man nicht mehr länger bereit zu tolerieren. Rechtsgerichtet, etwa wie Roland Koch aus dem benachbarten Hessen? Die ihr „nationales Gedankengut“ demonstrieren, verbessert sich Schreiner. Was aber ist an „nationalem Gedankengut“ falsch im Nationalstaat Deutschland? Schreiner, Lehrer von Beruf, hat offenbar kluge Schüler, denn er scheint beharrliches Nachfragen gewöhnt zu sein und bleibt geduldig: Sicher, gegen nationale Gedanken an sich sei auch nicht einzuwenden, aber diese Leute trieben ihre nationale Gesinnung „auf die Spitze“: „Das sind Rechtsextreme.“ Schreiner habe sich bei einer Feier selbst von ihrer Anwesenheit und ihrem Erscheinungsbild – Bomberjacke und Springerstiefel – überzeugt. Wie viele es gewesen sind, vermag er nicht zu sagen, „ich habe sie nicht gezählt“. Auch Bürgermeister Axel Harlos hat das nicht. Die einzige Zahl, die bislang jemand genannt hat, kommt von seiten den Veteranen. Zwei bis drei solcher Personen seien es gewesen. Ist das schon ein Skandal? Skandale schaffen für gewöhnlich den Sprung in die Presse. Rolf Nölle kramt in seinen Archiv-Ordnern, dann verneint er. Der Lokalredakteur, der für die Rhein-Lahn-Zeitung von Bad Ems aus Politik und Dorfgeschehen von Marienfels verfolgt, findet keinerlei Berichte zu diesen Vorfällen. Wenn die Zahl der Unbekannten also offenbar überschaubar ist, hat denn dann wenigstens die Gemeinde schon einmal das Gespräch mit diesen Jugendlichen gesucht, um sich über ihre Motive zu informieren und den Konflikt viellicht auf diese Weise zu regeln? „Nein“, gibt Bürgermeister Harlos zu, aber eine ganze Reihe Bürger habe sich bereits beschwert, man habe mit den Veteranen zu reden versucht, vergeblich, nun werde der Stein – auf die eine oder andere Art – abgerissen. Gemeindepfarrer Mathias Moos beklagt zudem die „martialischen Reden“ auf den Veteranenfeiern. Stadtrat Rainer Gemmer versucht zu vermitteln, er verweist die Veteranen auf das zweite, das gemeindeeigene Denkmal im Ort, das ganz allgemein an die Opfer des Krieges erinnert. Der 44jährige Nachgeborene, der nie einen Kameraden direkt verloren hat, hält das für einen annehmbaren Kompromiß. Für solche Vorschläge ist Otto Weis nicht zu haben, das 90jährige ehemalige Gemeinderatsmitglied schimpft über die „große Gemeinheit“, ein ganzes Denkmal abzuräumen: „So eine Schweinerei!“ Weis beruhigt sich kaum, der Zorn des Machtlosen spricht aus ihm. Er war selbst Soldat, kennt das Dorf seit fast einem Jahrhundert und erinnert sich auch an die Einquartierung der Soldaten der 1. Panzerdivision. Die alten Marienfelser seien alle gegen den Gemeinderatsbeschluß, erklärt er empört. Aber Marienfels ist eine „junge“ Gemeinde, hier wohnt man schön und arbeitet auswärts, hier zieht man nicht weg. Marienfels stirbt nicht aus, aber die alten Marienfelser sterben aus. Otto Weis ist ebenso wütend, enttäuscht und ratlos wie Stadtrat Alwin Kirsch. Der verrät am Ende doch zwei Sätze mehr, als er sich vorgenommen hat: „Als ich noch ein Kind war, habe ich die jungen Soldaten doch selbst erlebt, das waren anständige Burschen. Was wissen die Jungen bloß von der Geschichte? Man kann die Waffen-SS doch nicht einfach in einen Pott mit KZ und Rechtsradikalen heute werfen.“ Das weiß er, das wußte Kurt Schumacher, das wußte Konrad Adenauer – die jungen Leute von Marienfels wissen das nicht.

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