Joachim Kuhs

 

Der lange Schatten der Vergangenheit

Slowenien, das als eines der Musterländer unter den postkommunistischen Beitrittskandidaten für Nato und EU gilt, wird seit neuestem von seiner düsteren Vergangenheit eingeholt. Im slowenischen Parlament ist es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der linksgerichteten Regierung und den Parteien der nationalslowenischen Opposition gekommen. Die Opposition wendet sich dagegen, daß die Regierung in einem Gesetz über die Kriegsgräber des Zweiten Weltkriegs beschönigend von „Nachkriegsereignissen“ des Jahres 1945 spricht, während es sich doch um „revolutionäre Gewalt“ der Kommunisten gegen die Nichtkommunisten gehandelt habe. Auch über die Grabinschriften können sich die von „gewendeten“ Postkommunisten – die jetzt teils unter „sozialliberaler“ Flagge auftreten – gebildete Regierung und die Opposition nicht einigen. Die ersteren wollen „neutrale“ Bezeichnungen, wie „Den Opfern des Krieges und der Tötungen nach dem Kriege“. Dagegen fordern Oppositionspolitiker die Aufschrift: „Den Opfern des Krieges und der Revolution“. Dieser Streit zeigt, wie tief die Kluft zwischen KP-Anhängern und Antikommunisten noch heute in Slowenien ist. Insgesamt sollen auf dem Gebiet des heutigen Slowenien nach Kriegsende 1945 etwa 300.000 Menschen durch die Kommunisten und Partisanen getötet worden sein. Nur die Hälfte der Massengräber wurde bisher entdeckt. Als ein slowenischer Bauer vor wenigen Wochen seinen Acker unterhalb der Burg Borl im Nordosten des Landes pflügte, stieß er auf zahlreiche Menschenknochen. Er erinnerte sich daran, daß ihm seine Mutter von Massenmorden erzählte, welche die kommunistischen Partisanen an ihren Gefangenen begingen – meist kroatische Soldaten und Zivilisten, die zu den Briten nach Österreich fliehen wollten, aber auch einheimische Slowenen, die Gegner des Kommunismus waren, sowie deutsche Kriegsgefangene und Volksdeutsche. „Die Schreie und Schüsse verfolgen mich noch heute“ Es fanden sich auch weitere Zeugen der damaligen Vorgänge rund um die Burg unweit von Pettau/Ptuj in der Untersteiermark (die 1918 von Österreich getrennt wurde). Bei Kriegsende war die Burg Hauptquartier der 3. Jugoslawischen Partisanenarmee. Eine alte Frau, die damals acht Jahre war, sagte: „Alle hier wußten, was in den Schützengräben unterhalb der Burg geschah. Nachts wurden die Opfer zum Tötungsplatz gebracht. Wir Kinder hörten die Schreie des Grauens und die Schüsse … Das Grauen, die Schreie und Schüsse verfolgen mich noch heute.“ Eine damals Achtzehnjährige sagte: „Mich zwangen die Kerkermeister aus Haß und Rache, bei den Hinrichtungen zuzusehen … Die Menschen waren mit Draht aneinandergefesselt und auf Lastwagen wie Holzklötze zusammengepfercht … Die meisten wurden mit Schüssen getötet, einige mit Keulen erschlagen … Ganze Familien wurden umgebracht, Kinder, Frauen, Greise, Deutsche, Kroaten, Slowenen.“ Die slowenische Tageszeitung Vecer berichtet, die Bewohner der Umgebung hätten bis heute Angst, über diese Ereignisse zu sprechen. Inzwischen hat sich einer der damaligen Täter zu Wort gemeldet. Der heute 79jährige Slowene Zdenko Zavadlav war damals kommunistischer Geheimdienstchef von Marburg/Drau (Maribor) und sagt jetzt: „Ich habe die Massenmorde an den gefangenen Deutschen, an den slowenischen Heimwehrleuten und den Kroaten organisiert… Uns wurde befohlen, zu töten – und wir haben deutsche Soldaten, aber ebenso Frauen und Kinder erschossen.“ Alle, auch Frauen und Kinder mußten sich ausziehen und wurden nackt zu den Gräben getrieben. „Während wir sie eskortierten, zwangen wir sie, ‚Deutschland über alles‘ zu singen“, berichtet Zavadlav. „Während der ganzen Zeit tranken wir Cognac. Die meisten von uns waren halb betrunken.“ Gegenüber der Zeitung Vecer stellte der ehemalige Geheimdienstchef fest, die Greueltaten seien keineswegs spontan begangen worden. Wörtlich sagte er: „Die kommunistische Partei beherrschte den ganzen Staat. Die unten konnten ohne Wissen jener, die oben waren, nichts tun.“ Der oberste Partisanenstab habe damals erklärt, der Krieg sei die erste Phase der Revolution gewesen. Die Erschießung der gefangenen Deutschen, Kroaten und Slowenen sei demnach die „zweite Phase“. Ex-Geheimdienstchef Zavadlav gehörte zu den wenigen Partisanen, die das blutige Handwerk nicht aushielten und sich weigerten, an weiteren Morden teilzunehmen. Dafür wurde er zum Tode verurteilt und später zu sechs Jahren Haft „begnadigt“. Heute betrachtet Zavadlav den Krieg, der 1991 auf dem Boden Ex-Jugoslawiens ausbrach, als Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe man auch die eigenen Landsleute getötet, wenn sie ideologisch auf der „falschen“ Seite standen. Die Organisation Nova Slovenija (Neues Slowenien) hat inzwischen die Einschaltung der Staatsanwaltschaft gefordert. Die Untersuchung hätte schon längst beginnen müssen. Man werde auch eine ähnliche Untersuchung einer zweiten Burganlage, der Burg Friedau (Ormoz) verlangen. Dort seien die Kinder der Gottscheer Volksdeutschen in großer Zahl ermordet worden. Die Kinderleichen seien in den Burgbrunnen geworfen worden, den man jetzt untersuchen wolle. Vecer veröffentlichte darüber hinaus einen Vorschlag, in Slowenien auf die üblichen Feiern zu Ehren des „Kampfes gegen die Okkupanten“ zu verzichten, weil die Taten der Partisanen nicht von den Massenerschießungen zu trennen seien. Statt dessen sollte ein „Tag der Schuld, der Vergebung und Versöhnung“ begangen werden. Dies werde das Ansehen Sloweniens heben, das durch die „bekannten Nachkriegsereignisse“ gelitten habe.

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