Bedingungslos lieben und den Zorn zügeln

Die Mutter: Zu keiner Zeit, an keinem Ort war sie aus dem alltäglichen Leben so verbannt, so häßlich gemacht wie hier und heute. Wo begegnen einem Mütter hierzulande, und wie? Man sieht sie mit ihren sperrigen Buggys oder sportiven Baby-Joggern die Straßen entlangrattern, stierer Blick, gestreßt, auf den Hinterkopf des Kindes. Oder, im Vorbeigehen, die Müttergruppe auf der Spielplatzbank, dahockend wie Glucken auf der Stange, gelangweilt ein Gespräch versuchend, Figur und Persönlichkeit dahingeopfert der ein- bis zweiköpfigen Brut und doch weit entfernt davon, aufgegangen zu sein in dem, erfüllt zu sein von dem, was sich „Rolle“ schimpft. In der Haushaltskasse ist weniger als bei den Singles und Doppelverdienern, aber es langt doch meist gerade, um den Alltagstrott am Laufen zu halten. Attraktiv wirkt das nicht auf diejenigen, die noch oder endgültig kinderlos vorbeiziehen. Muß es auch nicht – Attraktivität allein ist schließlich ein hohler Wert einer hybriden Gesellschaft satter Bäuche. Dennoch: Die Massen-Mutter der Gegenwart, das ist ein selbstgewähltes Beschränktsein zwischen Mikrowelle und Kinderfernsehen, eine Leere, die nach außen gähnt. Daneben die Alternative der emanzipierten Teilzeitmutter, entsprechende Bilder sind längst Legion: Um sieben an der Tür der Kindertagesstätte, um acht am Bürotisch, um vier wieder an der Kindergartenpforte, Transport des Zöglings zum Verein oder zum Spielgefährten, daheim die Wäsche, kleiner Hausputz, Abendessen. Später, wenn das Kind schläft, vielleicht noch eine Stunde im Fitneßcenter. Das macht dann vielleicht attraktiv, doch wozu, und: das könnte man auch einfacher haben, ohne Kinder. Also: Reproduktion, um wenigstens einmalig der biologischen Uhr stattzugeben? Oder – Mutterschaft als Positivum, wie geht das? In den frühen Neunzigern haben Gerolf und Annabell Kühne einen verlassenen Gutshof im dörflichen Oberbayern erworben. Außenlage, vom eigentlichen Dorf nicht einsehbar. Die vermeintliche Haustür, auf die der Feldweg hinführt, ist nur der Eingang in einen Geräteschuppen. Um die Ecke kommt eine junge Frau, zu erwachsen, um eines der Kühne-Kinder zusein, vielleicht eine Praktikantin der Kühneschen Unternehmensberatung. An der Hand aber, die sie zum Gruß ausstreckt, klebt Erde, kurz wird sie an der Hose abgestreift. Wacher Blick, rote Wangen, ein herzliches Lachen. Annabell Kühne, stellt die Frau sich vor, und die Stimme vom Telefon ist unverkennbar. Beim Warten auf den Besuch seien ihr die Beete doch wieder so verlockend erschienen, sagt die Frau mit dem jugendlichen Aussehen: „Wie schön dieser Herbst doch wieder ist!“ Der modern verglaste Hauseingang liegt an der Rückseite des Hauses, die Tür führt ohne Windfang oder Flur direkt in die Küche, es riecht wohlig nach Kräutern und frischgebackenem Brot, auf dem großen Holztisch dampft eine Kanne Tee. Urig, das alles, ist der erste Eindruck, und dies gar nicht auf altbayerische Art. Helles Massivholz das Mobiliar, schlichte Keramik in Naturtönen in den Regalen und der Vitrine. Mit viel Liebe und Arbeit haben die Kühnes sich ein prächtiges Anwesen geschaffen. Trutzig, doch verfallen und damals beim Einzug kaum bewohnbar, könnte man es sich heute als denkmalgerechten Musterausbau in einer Schöner-Wohnen- Illustrierten vorstellen. Viel Lehm, Naturfarben, selbstkreierte Mosaike, Kastenfenster und ein Bauerngarten zum Vorzeigen. Daß die große Küche so etwas wie das Herz des Hauses sei, findet auch die Mutter, die hier wirkt. „Wenn die Kinder aus der Schule kommen, machen sie sich einen Spaß und erraten am Geruch, der ihnen an der Haustür um die Nase weht, was es heute zu essen gibt.“ Klar, die Küche ist das Zentrum, ja; doch nicht bloß um eine Frau, die am Herd steht und den Tagesablauf verwaltet. Hier wird gemalt, gespielt, telefoniert, geplant, gestritten und gelacht. Die sechsfache Mutter lacht viel, herzlich und von innen heraus. Manchmal zu laut, jedenfalls für den Säugling, der bis dahin unbemerkt im Weidenkörbchen mit Schaffell neben dem prasselnden Kamin geschlummert hatte. Der Kleine beginnt zu erzählen, bald zu nörgeln. Als das leise Gejammer in Weinen übergeht, hebt Annabell Kühne ihn aus dem Korb und gewährt eine Mahlzeit. Der großen Säuglings-Industrie hat sich die Familie von Anfang an entzogen. Wozu Milchpulver, wozu die teuren Baby-Gläschen, wenn es selbstgemacht einfach und gesünder geht! Das ist keine starre Ideologie, sondern gesunder Menschenverstand, immerhin ist man nach dem vierten Kind von den ökologischen Stoffwindeln auf Supermarktware umgestiegen. Da mußten die Pfennige nicht mehr gezählt werden, und es war eher die Zeit, die rar wurde und nicht der Wäsche geopfert werden sollte. Daß sie Kinder haben wollte, war Annabell Kühne schon früh klar. Vier hatte sie sich in Jungmädchenträumen vorgestellt. Jetzt sind es zwei mehr, ungeplant – aber wer spricht schon von Planung, wenn es um Liebe geht, um pralles Leben? Frauen, die dies nicht erleben wollen, da ist Annabell Kühne sich sicher, haben „Angst vor ihrer eigenen Kraft, vor ihrer vollkommenen Weiblichkeit, vor ihrer fordernden Lust“. Lust? Wie? Zumindest die öffentliche Propaganda via Bild, Brigitte, Cosmopolitan ist da doch recht ausschließlich: Das eine, die Mutterschaft, beendet das andere oder weist ihm doch eine recht enge Grenze zu. Annabell Kühne lacht wieder schallend, ihre Augen funkeln, angriffslustig fast. Ja, natürlich sind Schwangerschaft und Geburt auch Sex. Sexualität, was sonst, und natürlich lustvoll, bekräftigt sie. Die meisten ihrer Kinder hat sie zu Hause geboren, ganz tiefe Erlebnisse seien das gewesen. Sie spricht von einer „schlummernden weiblichen Macht“, die sie erst die Geburtserlebnisse kennenlernen ließen, so schmerzvoll, so schön. Wie arm, wer darauf verzichtet. Fedor, der Säugling, seufzt wie zur Bestätigung. Der Abschluß ihrer Berufsausbildung als Dolmetscherin hatte sich damals mit der Geburt von Ansgar, dem ersten Kind, getroffen. Annabell Kühne sagt, sie sei heute erwerbslos glücklich, sie genieße ihre freie Zeiteinteilung während des Vormittags, die ihr ermögliche, lustvoller den anfallenden Arbeiten nachzugehen: „Ich habe die Möglichkeit, an einem sonnigen Vormittag meine Stiefel anzuziehen, um auf den Berg zu laufen, oder setze mich hin und halte meine Gedanken fest, arbeite mit den Händen, entwickle dabei Ideen, die dann geistig oder praktisch umgesetzt werden.“ Daß die Fünfunddreißigjährige, die nach heute geläufigen Kriterien als überaus „attraktiv“ gelten würde, noch als sechsfache Mutter gelegentlich für Katalogaufnahmen (und eben nicht für Übergrößen) Modell steht, ein kleiner Nebenjob, ist ihr keine Erwähnung wert. Das Leben ihrer eigenen Familie sei ihr stets ein Vorbild gewesen, erzählt Annabell Kühne, ihre Eltern und Geschwister, so wie sie ihr Leben gestalteten auf ihrem Hof, mit vielen Festen, vielfältigen Möglichkeiten der Begegnung. In solcher Freiheit leben, niemals städtisch, so habe sie es auch gewollt: Frei zu sein im eigenen Reich, Ideen verwirklichen ohne den Hemmschuh der Paragraphen, niemals eingepfercht sein zwischen Mauern und mißmutigen Menschen. Drei Mädchen und drei Jungen haben die Kühnes, fünfzehn der Älteste, ein halbes Jahr das jüngste. Gibt es so etwas wie eine geschlechtsspezifische Erziehung? „Die Kinder sind doch gleich nach der Geburt, schon im Säuglingsalter, so unterschiedlich in ihrem Temperament, daß es sich erübrigt, darüber nachzudenken, in welche Richtung sie zu lenken seien“, findet Annabell Kühne. „Sie werden ihren Neigungen folgen, soweit ihnen der Raum dazu gegeben ist.“ Und eine Aufgabenteilung, gerade, was die Größeren betrifft? „Wenn es darum geht, abzuwaschen, aufzuräumen, sozialen Sinn zu entwickeln, so sind alle gleichermaßen gefordert, groß wie klein, Männlein wie Weiblein.“ In so einer großen Familie, da ist Annabell Kühne sich sicher, lernen die Kinder schon sehr früh, ihren Egoismus auf ein gesundes Maß zu bringen. „Meine Güte, schau mal, die kriegt schon das Vierte!“ Und diesen Wunsch nach Kindern überhaupt, der einem heute so wenig nahegelegt wird, schon gar nicht in solcher Quantität, läßt sich der erklären? Annabell Kühne denkt länger nach. Das Missionarische, das stets intellektuell begründen Wollende ist ihr fremd, ja beinahe zuwider. Ist das nicht einfach das Leben, fragt sie zurück und präzisiert dann: Kinder, das sind doch der gemeinsame Nenner zweier unterschiedlicher Menschen, sind die greifbar gewordene Lust nach Verschmelzung. „Ja, was sind unsere Kinder, wie ließe sich das bloß in Worte fassen?“ Ihre Augen gehen nach innen, bevor sie aufblickt: „Doch immer auch die Träger der eigenen Träume, der Spiegel der eigenen Schatten, sie tragen den Funken meiner eigenen Kindheit, meiner eigenen Jugend weiter. Die Kinder haben mich gelehrt, bedingungslos, selbstlos zu lieben, sie lehren mich, meinen Zorn zu zügeln“ – Schalk bricht durch Annabell Kühnes ernstgewordene Miene – „und auch, ihn zu leben – den Zorn und die Wut.“ Kinder auch als moralischer Auftrag, gegenüber den eigenen Eltern etwa? Natürlich, sagt die Mutter, das auch. Wie die Großeltern aufleben, in ihren Gesten, in ihren Blicken! In ihren Träumen, ihren Taten! „Kinder“, formuliert die Mutter mit Bedacht, „Kinder weben das zarte Netz zwischen den Zeiten, damit ich darauf wandeln kann.“ Ganz echt, ganz wirklich ist Annabell Kühne, wenn sie so poetisch spricht. Nur gelegentlich sind ihre Eltern zu Gast – die räumliche Entfernung erlaubt es nicht anders – , dann aber als große Hilfe, als Bereicherung, die gegenseitig empfunden wird. Die drei Kinder des sechsundsiebzigjährigen Großelternpaares – ganz frisch und immer wißbegierig, beschreibt sie die Tochter – haben ihnen bis heute 14 Enkel beschert. Natürlich erfahren die Kühnes oft genug die verächtlich gemeinten Blicke Außenstehender. „Klar“, sagt die junge Frau, „sechs Kinder, das ist immer nur ‚boah‘, große Einkaufswagen, viel Wäsche und all dieser Mist.“ Als sie zuletzt schwanger gewesen sei, erzählt Frau Kühne, sei sie einen Nachmittag mit drei Kindern in der Stadt unterwegs gewesen. Dort habe eine Passantin deren Freundin mißbilligend zugezischt: „Meine Güte, schau mal, die kriegt schon das Vierte!“ Mißgunst würde sie diese allgegenwärtige Haltung lieber nicht nennen, eher den Neid der Orientierungslosen. „Haben die nicht begriffen, daß es uns heute so gut geht wie nie? Meine Güte, jahrtausendelang ging es täglich doch mehr oder minder um das nackte Überleben, um ein schützendes Dach überm Kopf und etwas Warmes auf der Haut, um Vorratshaltung, und dennoch wurden Kinder geboren, Generationen geschaffen … ja, wozu? Damit die Menschen jetzt ihrem langweiligen Leben nachgehen können, öde Einkaufswagen vor sich her schiebend, mit anklagenden Gedanken im Kopf, daß sie schon wieder an der Kasse warten müssen …!“ Wieder bricht Lachen den zornigen Ausbruch. Dann wird es draußen laut, die vier Schulkinder sind angekommen, und tatsächlich streckt sich eine vorwitzige Nase durch die Tür und schnuppert. Heute wird das Mittagessen auf den Abend verschoben, ausnahmsweise, doch das Brot aus dem Ofen ist noch warm und wird die hungrigen Mägen füllen.

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