Abstinenz als Königsweg

Unter den Dächern Berlin-Kreuzbergs gibt es ein ganz besonderes Dach. Denn schon von weitem erkennt man dort zwischen den fahlen grauen Gebäuden der Bernburger Straße fast trotzig den gut sichtbaren Schriftzug „Synanon“. Beim „Empfang“ des 1990 erbauten Synanon-Hauses in der Bernburger Str. 10 geht es hektisch zu, Lieferanten kommen, Telefone klingeln. Stünde da nicht „Leben ohne Drogen“ auf den Pullovern, T-Shirts und Hemden, würde man glatt vergessen, wo man eigentlich ist. Man fühlt sich eher wie bei einem modernen Dienstleistungsunternehmen, als bei einer der bekanntesten Drogen-Selbsthilfe-Organisationen Deutschlands. Michael Frommhold, der eigentlich nicht „Pressesprecher“ genannt werden möchte, letztendlich aber doch einer ist, geht in ein Kaminzimmer voran, die edel anmutenden Möbel, die schöne alte Uhr – alles Spenden und Geschenke, so Frommhold nicht ohne Stolz. In dem modernen Bau leben die Bewohner in kleinen Wohngemeinschaften, die Türen stehen alle offen, hier und da steht ein Rechner. Was auffällt ist die kasernengleiche Ordnung und geleckte Sauberkeit, die so manchen Bau der Bundeswehr in den Schatten stellt. Momentan leben zirka 130 Menschen im Haus, teils Neuankömmlinge, teils „alte Hasen“ – kaum jemand ist anzutreffen, da alle irgendwo ihrer Beschäftigung nachgehen. Jährlich kommen bis zu 600 Menschen zur Pforte von Synanon, um dort Hilfe zu bekommen, die meisten gehen nach kurzer Zeit wieder. Viele kommen einige Male, bevor sie sich für das Leben bei Synanon entscheiden – und viele bleiben der Stiftung über Jahre verbunden. Bei Synanon steht alles unter dem Zeichen der Eigenständigkeit und der Selbsthilfe, man ist stolz auf die Unabhängigkeit, die man sich seit über 30 Jahren bewahrt hat. 1971 wurde der Verein, noch unter dem Namen „Release e.V.“, von Ingo und Irene Warnke „mit einer Hand voll Süchtiger“ in Berlin gegründet. Als theoretisches Vorbild dient das Buch „Synanon – The Tunnel Back“, in welchem der polnische Kriminologe Lewis Yablonski die Entstehung und die Prinzipien der von Chuck Dederich gegründeten Suchtselbsthilfe in den USA erläutert. Keine Drogen, kein Tabak, keine Gewalt Von Anfang an schien das Konzept der totalen Abstinenz sowie der Ablenkung der Süchtigen durch Beschäftigung in den sogenannten „Zweckbetrieben für die damalige „akzeptierende“ Drogenpolitik suspekt. Nicht selten wurden diese Methoden hart kritisiert und Synanon als „sektiererisch“ oder gar „faschistoid“ bezeichnet. So wurde besonders gerne aufgeführt, daß in den frühen Synanon-Jahren den ankommenden Süchtigen das Kopfhaar gestutzt wurde, sowie daß es in den Grundprinzipien heißt, die Bewohner hätten „kein persönliches Eigentum“. Trotz der Anfeindungen etablierte sich Synanon immer mehr. 1977 würdigte Bundespräsident Karl Carstens die Arbeit von Synanon. Er lud den Gründer als einzigen Berliner Bürger zum Neujahrsempfang ein. 1979 wird Synanon Mitglied im „Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband“ – es werden Ableger in Marburg und innerhalb Berlins gegründet. Immer mehr Zweckbetriebe entstehen, wie beispielsweise eine Tischlerei oder das in Berlin schon berühmte Umzugsunternehmen. In den Jahren 1996 und 1997 findet der „große Schnitt“ statt, so Frommhold. Aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten muß sich Synanon reformieren, aus dem Verein Synanon wird eine Stiftung. Wie die meisten Synanon-Mitarbeiter weiß auch Michael Frommhold genau, wovon er spricht, wenn es um Drogen geht. Ihm habe Synanon „damals den Arsch gerettet“, als es für ihn nicht mehr weiterging. Auch die „sofortige Aufnahme“, ohne große Fragen und bürokratischen Aufwand, ist ein Merkmal von Synanon. Kommt der Abhängige mit dem Willen zum Aufhören in die Bernburger Straße, ist er willkommen und wird aufgenommen. 24 Stunden täglich. Er braucht nichts bei sich zu haben, nichts zu bezahlen. Das einzige, was der Ankömmling zu Beginn über sich ergehen lassen muß, ist eine Überprüfung, ob er noch irgendwelche Rauschmittel bei sich trägt. Synanon stellt ihm sofort ein Bett zum Übernachten und falls nötig saubere Kleidung und natürlich Nahrung – alles in Vorleistung. Im übrigen gibt es keine Verpflichtung, dort zu bleiben. Jeder kann das Synanon-Haus verlassen, wenn er möchte. Allerdings gibt es während der ersten drei Monate die Kontaktpause zu Menschen außerhalb Synanons. In dieser Zeit soll sich der neue Bewohner ausschließlich auf sich selbst konzentrieren, um sich im neuen – drogenfreien – Lebensumfeld einzufinden. Im Haus herrschen drei Regeln: Keine Drogen. Keine Gewalt. Kein Tabak. Wer diese „heiligen Regeln“ (Stiftungsvorsitzender Peter Elsing) verletzt, muß Synanon sofort verlassen. Entscheidet sich der Neuling, dort zu bleiben, beginnt sein Entzug sofort. Im Gegensatz zur klassischen Entgiftung, die stationär in einem Krankenhaus stattfindet, wird der neue Synanon-Bewohner sofort in die Arbeits- und Organisationsabläufe im Haus integriert. Dies gibt ihm wieder eine geordnete Tagesstruktur, die meist in der Phase der starken Abhängigkeit vollends verlorenging. Die meisten Abhängigen befänden sich in ihrer stärksten Stadium fast in einem Zustand innerer Verwahrlosung, wo allein das Aufstehen am Morgen oder ein Gang in ein Geschäft zur fast unüberwindlichen Tagesaufgabe werden, so Frommhold. In der Hauswirtschaft lerne der Abhängige wieder, „Verantwortung für sich und für andere zu übernehmen“. Willkommener therapeutischer Nebeneffekt ist die Ablenkung vom eigentlichen Entzug durch die sinnvolle Beschäftigung und den ständigen Kontakt zu anderen. Verloren geglaubte, soziale Fähigkeiten wie normale Kommunikation, und erste Konfliktbewältigung werden in dieser ersten Phase ebenfalls wiederentdeckt. Die Arbeit in der Hauswirtschaft umfaßt im Schnitt die ersten vier bis sechs Wochen bei Synanon. Schafft es der Neuankömmling, dort „sauber“ zu bleiben, kann er sich einen der Zweckbetriebe aussuchen. Danach sucht sich der Synanon-Bewohner einen der Zweckbetriebe zur weiteren Beschäftigung aus. Mittlerweile wird in einigen Zweckbetrieben sogar ausgebildet. Der Ertrag der Arbeit fließt in eine Gemeinschaftskasse, aus welcher die notwendigen Ausgaben sowie auch die Vorleistungen für Neuankömmlinge bestritten werden. Während der ganzen Zeit finden sechsmal wöchentlich Gruppengespräche mit zehn bis fünfzehnPersonen statt. Dies ist ein zentraler und integraler Bestandteil der Synanon-Drogenselbsthilfe, denn im Gegensatz zu anderen Gesprächsrunden des Selbsthilfebereichs, wie beispielsweise der Anonymen Alkoholiker, gibt es einen entscheidenden Unterschied: Man kann dort gezielt angesprochen werden. Durch diese Ansprache sollen die Gesprächsteilnehmer gezwungen werden, sich mit ihren Problemen auseinanderzusetzen. Nicht umsonst versteht sich Synanon deshalb als Lebensschule, in welcher Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit wieder trainiert werden. Das dies weit mehr ist, als das „Problemebewältigen“ klassischer Selbsthilfegruppen merkt man schnell bei Synanon. Die Erfolgsquote kann sich sehen lassen Im Gegensatz zu den Anfangsjahren von Synanon, wo der Verein von den Gründern als zeitlich unbefristete Lebensgemeinschaft verstanden wurde, werden heute zwei bis drei Jahre als „Lebensschule auf Zeit“ angesehen. Vieles wurde „liberalisiert“, außer den elementaren Grundregeln und der absoluten Abstinenz vom ersten Tage an. Obwohl Synanon heute andere Therapiemöglichkeiten außer der vollständigen Abstinenz akzeptiert, wird dort beispielsweise mit dem Methadonprogramm hart ins Gericht gegangen. War es zu Beginn ein Ausnahmeprogramm für einige wenige Schwerstabhängige, befänden sich heute 50.000 Heroin-Abhängige in dem umstrittenen, aber modischen Substitutionsprogramm. Die Probleme, welche dadurch neu entstünden, würden völlig außer acht gelassen, so Frommhold. So sei ein Methadon-Entzug weitaus schmerzhafter und qualvoller als ein kalter Heroin-Entzug. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Verharmlosung von „weichen“ Drogen durch die sogenannte „Legalize“-Fraktion. Die Bewertung als „harmlos“, beispielsweise von Cannabis sieht man bei Synanon sehr kritisch. Man habe einfach zu viel Erfahrungen mit den neuen jugendlichen „Hardcore-Kiffern“, als daß man das Problem ausblenden dürfe. Gerade bei Jugendlichen entwickle sich der Suchtverlauf rasant. Sie würden von den mittlerweile hochkonzentrierten Stoff vergeßlich, unkonzentriert und sozial völlig verwahrlost. Die äußeren Faktoren hätten sich verändert. Wer heute kiffen würde, täte dies nicht mehr zur geistigen Erweiterung oder gar zum Genuß, er beneble sich nur noch. Man kiffe nicht mehr zu besonderen Anlässen, sondern tagtäglich. Überhaupt habe heute der Drogenkonsum seine politische, „rebellische“ Dimension eingebüßt, wenn es nur noch um reinen Hedonismus und Selbstbetäubung gehe. Und angesichts fehlender Wertevermittlung und fehlenden gesellschaftlichen Halts werden die Süchtigen immer jünger. So jung, daß sich die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) mit ihrem Vorsitzenden Rolf Hüllinghorst dieses Jahr sogar hauptsächlich um diese „Zielgruppe“ kümmert. Auf einer Pressekonferenz Anfang des Jahres – in der Bernburger Straße – wurde deshalb von der DHS die Kampagne „2003 Jugend und Sucht“ vorgestellt. Auch scheint Drogenabhängigkeit vornehmlich ein männliches Problem zu sein. Nur zehn Prozent der Synanon-Bewohner seien Frauen. Die Erfolgsquote von Synanon kann sich sehen lassen. 70 Prozent derjenigen, die die erste Zeit bei Synanon „sauber“ überstanden haben, bleiben das auch. Voneiner solchen Quote können andere Einrichtungen nur träumen. Foto: Michael Frommhold betreibt für Synanon die Öffentlichkeitsarbeit Kontakt: Stiftung Synanon, Bernburger Str. 10, 10927 Berlin. Tel: 030 / 55 000 00, Internet: www.synanon.de .Spendenkonto: Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 100 205 00, Kto.Nr. 31 77 200

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