Verdrängt und vergessen

Fast schien es, als hätte der Hamburger Drehbuchautor Christian Pfannenschmidt mit seinem ambitionierten Fernsehfilm unter dem Titel „Willkommen zu Hause“ (2. Februar, 20.15 Uhr, ARD) kein Glück: Die Programmplanung der ARD hatte anderes im Sinn und schob die bereits für Oktober letzten Jahres vorgesehene Ausstrahlung des beeindruckenden Films vor sich her. Der Inhalt: Ein aus Afghanistan heimkehrender Bundeswehrsoldat, eindrucksvoll gespielt von Ken Duken, scheitert bei dem Versuch, die traumatischen Erlebnisse eines Selbstmordanschlags bei Kunduz und die daraus resultierende streßbedingte Erkrankung zu verdrängen. Eine Rückkehr in den Alltag im beschaulichen Deidesheim ist ihm aus eigener Kraft nicht möglich. Die Menschen seines Umfelds sind ahnungslos in bezug auf das grauenhafte Erleben am Hindukusch. Die Heimat, so erzählt die Geschichte, ist mit der Wiedereingliederung von Heimkehrern vollkommen überfordert. Am Ende vertraut sich der Soldat einer Nachbarin und Ärztin an, überzeugend verkörpert durch den „Tatort“-Star Ulrike Folkerts, und begibt sich auf ihren Rat hin schließlich in die Hände professioneller Bundeswehrpsychologen, die allmählich seine Gesundung voranbringen. Erzieherisch will der Film schon sein. Einerseits will er ganz offensichtlich ein Umdenken zu mehr Verständnis für die Soldaten unter uns allen anregen. Ein aufrichtig wirkender Appell, der auch an die Massenmedien und die Intellektuellen in Deutschland gerichtet sein dürfte. Andererseits ermutigt er traumatisierte Soldaten zu schnellerer Annahme von Hilfe, weniger gegenseitiger Ausgrenzung und mehr Kameradschaft untereinander. Die ARD schien es allerdings mit der Ausstrahlung der Geschichte bis jetzt nicht eilig gehabt zu haben. Als Grund für die zunächst verfügte Streichung der SWR-Produktion aus dem Oktober-Programm wurde jedenfalls seitens der ARD-Programmdirektion in München kurzerhand ein Uefa-Cup-Fußballspiel genannt, welchem auf dem Sendeplatz in jedem Fall Vorrang eingeräumt werden sollte. Also König Fußball gewissermaßen als eine willkommene Lösung, um einen allzu aufputschenden und mitreißenden Film auszuklammern? Einen innenpolitischen Grund für eine entsprechende Zurückhaltung im Programmablauf weist die ARD selbstverständlich weit von sich. Die Verantwortlichen des produzierenden SWR müssen indes ebenso von der monatelangen Verschiebung durch die ARD-Oberen enttäuscht gewesen sein wie Autor Christian Pfannenschmidt und Regisseur Andreas Senn. Dabei wurde gerade wieder im Oktober die Aktualität einer solchen Produktion offenbar: Bei einem erneuten Selbstmordanschlag im afghanischen Kunduz waren am 20. Oktober 2008 zwei deutsche Soldaten getötet und weitere zwei Soldaten schwer verletzt worden. Nur drei Tage darauf sollte der Film ausgestrahlt werden, womit die ARD kaum zu überbietende Aktualität bewiesen hätte. Auf dem Münchner Filmfest im Sommer 2008 war der Fernsehfilm bereits mit großem Erfolg beim Publikum gelaufen. Daß die ARD-Programmdirektion nun das Thema monatelang verschleppen würde, war damals nicht abzusehen. Tatsächlich gab der Drehbuchautor unlängst in einem Gespräch mit dem SWR unverblümt zu, daß er seinen Film als ein gesellschaftspolitisches Instrument verstehe. Die Fragen, ob die Produktion Stellung bezieht, ob in der deutschen Öffentlichkeit zu wenig über den Afghanistan-Einsatz diskutiert wird, ob das Mandat der Bundeswehr überhaupt sinnvoll formuliert ist und ob deutsche Soldaten dort eingesetzt werden sollten, bejaht Pfannenschmidt klar: „Ich glaube, daß in Deutschland tatsächlich zu wenig diskutiert wird. Das Thema Krieg rückt näher, es ist höchste Zeit für eine Neubewertung.“ Damit plädiert der Autor offen für den Abzug aus Afghanistan und die Revision der deutschen Verteidigungspolitik. In Berlin dürfte die deutschlandweite Ausstrahlung des mutigen Filmes Bauchschmerzen bereiten und einmal mehr die Frage aufwerfen, warum die heimkehrenden Soldaten bei der Wiedereingliederung bisher im großen und ganzen von Politik und Gesellschaft allein gelassen wurden. Foto: Rückkehr nach Deidesheim: Ein anderer Ben (Ken Duken) als zuvor; Attentat in Kunduz: Freund Torben stirbt

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