Der tiefere Sinn bleibt unklar

Der Wunsch nach körperlicher Verschönerung ist menschlich. Modephänomene, Erörterungen geschmacklicher Art und die Frage nach der Modifizierbarkeit erblicher Veranlagung umreißen ein weites Feld – seit je. Das eng geschnürte Korsett und die Herrenperücke – um im abendländischen Kulturkreis zu bleiben – haben ausgedient. Heute läßt sich unter dem Stichwort Body Modification (BM) ein abgrundtiefes Faß öffnen. Der Kult um absichtsvoll vorgenommene Körperveränderungen umfaßt unterschiedlichste Sparten: von gängigen und etablierten Verfahren (Ohrringe etwa oder Bodybuilding) über den am stärksten wachsenden Zweig des Aufwendigeren und Kostspieligeren (Tätowierungen, Botox-Spritzen, „Schönheits“-OPs) bis hin zur engeren, „harten“ BM-Szene: Die ist in US-amerikanischen Großstädten relativ stark verbreitet und wächst auch hierzulande unter Leuten, die für ihren Schmerz, ihre Sehnsucht oder Stärke keinen anderen kreativen Ausdruck finden: Dort geht’s um Zungenspaltungen, Narbenmuster, chirurgisch hergestellte „Elfen-Ohren“ und Hautimplantate aus Silikon oder Stahl. Ob Duchlöcherungen, Schamhaarfrisuren oder Brüste á la carte: All diese Wirtschaftszweige boomen, der Finanzkrise und privaten Geldnöten zum Trotze. Für alle Bereiche der Körperindustrie gilt grundsätzlich zweierlei: Schönheit ist Geschmackssache, und: Die hier verhandelten Maßnahmen sind Ausdruck eines gesellschaftlichen Wohlstands, also Insignien des Luxus und der Ferne von Krieg und existentieller Not. Die Typologie der Konsumenten freilich ist arg differenziert: Wer sich mit heißem Eisen ein Branding zufügen läßt, dürfte von einem Ausdruckswillen getrieben sein, der weit entfernt ist von dem der Siebzehnjährigen, die ein Popo-Lifting auf ihren Wunschzettel geschrieben hat. Merkwürdig ist beides. Das – also: der Bedenklichkeitsfaktor – trifft auch auf die womöglich abgeflachteste Form der Body Modification zu, die anders als Piercings oder Stretching  ein dezidiert weibliches Konsumfeld ist: den Gang ins Nagelstudio. Was in den Achtzigern bei der Weltklasse-Sprinterin Florence Griffith-Joyner noch als Alleinstellungsmerkmal galt – überlange, bunte Fingernägel –, sprießt heute aus Volkes Hand wie Pilze aus dem Boden. (Apropos: Kunstnagelhände gelten als – bäh –pilzanfällig, wo nicht mit peinlicher Hygiene gearbeitet wird.) Ob in großstädtischen Einkaufsmeilen oder als neonbeworbenes Heimstudio auf dem Dorf: Seit der Jahrtausendwende sind die Maniküreläden überall – und stets gut besucht. Unterschiedlichste Geschäftsmodelle kursieren: von Lieschen Müllers Geschäftsidee (von der Ich-AG zur gefragten Naildesignerin) bis zu großen Ladenketten, die oft (asiatische) Ableger von US-Unternehmen sind. Um die 60 Euro kostet eine mittelaufwendige Bearbeitung, ab 35 Euro gibt es die simple Neumodellage aus Acryl, Gel oder Fiberglas. Eingelassene Straßsteinchen, Goldglitter, Hologramme oder Airbrush-Techniken kosten extra. Wo die Konsumentinnen, die im Regelfall Stammkundschaft sind (so ein Nagel scheint ja nur tot, ist es aber nicht, Natur wächst nach), das Geld einsparen, wurde noch nicht erforscht – bei Zigaretten, beim Friseur, im Sonnenstudio? Der tiefere Sinn der Prozedur indes bleibt unklar. Wer sich bei aufgespritzten Lippen, Studiomuskeln und Kunstbusen noch mit evolutionstheoretischen, bei Piercings und Tattoos wenigstens mit  psychologischen Erklärungsmustern helfen konnte, steht bei der Kunstnagelei wie der Ochs vorm Berg – also ratlos: Verweisen die Krallenschaufeln auf das grad beliebte weibliche role model der kratzbürstigen Zimtzicke? Soll Männern die Möglichkeit eines ordentlich zerkratzten Rückens suggeriert werden? Soll auf ein „Mehr“ hingewiesen werden, das Frau sich unter den verlängerten, gehärteten Nagel zu reißen imstande sieht? Bei Griffith-Joyner deutete man die Krallen noch als angriffslustiges Dominanzsignal, doch wohin wollte die Kassiererin, Krippenerzieherin oder Putzkraft mit solchem Effekt? Keine Erklärung sticht – und Snoopy-Bildchen, Blümchen oder miniformatige Photos geliebter Menschen auf den Nägeln verweisen ohnehin auf herzensgute Trägerinnen. (Eine Güte, die erst da an ihre Grenze kommt, wo es darum geht, beim Tragen eines Kinderwagens aus dem Zug behilflich zu sein: Die bedauernde Gestik samt entschuldigend vorgezeigter Neunägel verdient phänomenal genannt zu werden.) Vor ein paar Jahrzehnten durfte noch die Faust- beziehungsweise Fingerregel gelten, wonach nur höhergestellte Damen sich lange, gar manikürte Fingernägel leisten konnten, weil solche für Arbeiterinnen, Bauern- oder Hausfrauen weder praktikabel noch bezahlbar waren. Heute dürfte sich dies ins Gegenteil verkehrt haben: Je schriller, spitzer und bunter die Nägel, desto flacher das Niveau. Foto: Nagelkunst: Um die 60 Euro kostet eine mittlere Bearbeitung

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