Wir wollen Spaß haben

Das politische System in China funktioniert für China“ und „das generelle Vorhandensein einer strengen staatlichen Kontrolle“ sei „eine gesunde Sache“ – mit diesen skandalösen Aussagen, die einer Verhöhnung der vielen Millionen kommunistischer Todesopfer gleichkommen, leistete die Evaluierungs-Kommission des IOC (Internationales Olympisches Komitee) wertvolle Vorarbeit dafür, daß Peking den Zuschlag für die Sommer-Olympiade 2008 erhielt. Am 10. September beginnt der Testlauf für das nationale Großereignis – die Frauenfußball-Weltmeisterschaft in den Städten Shanghai, Chengdu, Wuhan, Hangzhou und Tianjin.

Und die stellt China nun vor gewaltige Probleme. Nicht weil es nennenswerte Boykott-Aufrufe gibt, dafür ist das Turnier zu wenig prestigeträchtig. Es ist vielmehr das mangelnde Interesse der Chinesen selbst – und das, obwohl die Nationalmannschaft seit über einem Jahrzehnt der Weltspitze angehört. „Wir schenken den Bürgern die Tickets, aber es kommen trotzdem immer weniger Zuschauer“, beklagten im vergangenen Oktober die Organisatoren eines nationalen Turniers, in dem es um die Qualifikation zur Superliga ging. Ähnliches droht nun auch bei der WM, der Vorverkauf lief schlecht. Der „Frauenfußball-Blog auf Ballhöhe“ (www.womensoccer.de) vermutet, daß Studenten und Regierungsbeschäftigte rekrutiert werden, um Begeisterung zu simulieren.

Erstaunlich ist das Desinteresse deshalb, weil der Frauenfußball vom Staat gefördert wird wie in keinem anderen Land der Welt. Erstligist Jiangsu Huatai erhält beispielsweise jährlich offiziell 300.000 Euro. Der hohe Etat macht sich allerdings nicht in der Bezahlung der Spielerinnen bemerkbar, mehr als 150 Euro im Monat springt für die beste Spielerin des Landes, Ma Xiaoxu, nicht heraus. Das Desinteresse bei den Frauen verwundert noch mehr, wenn man über die riesige Fußball-Euphorie in China informiert ist. Es findet sich aber eine einfache Erklärung: Der Fußball, der Tischtennis längst als beliebteste Sportart verdrängt hat, wird als Männersache betrachtet. Schon geringste Erfolge reichen hier aus, um unsterblich zu werden. Als sich China 2002 erstmals für eine WM qualifizierte, wurde der Mannschaft, die dann in der Vorrunde mit null Punkten sang- und klanglos ausschied, tatsächlich ein Denkmal gesetzt. „In China gibt es viele erfolgreiche Sportmannschaften in verschiedenen Sportarten, aber noch keine wurde mit einem Denkmal ausgezeichnet“, gibt Liu Xiaofei in einem Beitrag des Instituts für Sportwissenschaft der Uni Tübingen zu bedenken. „Eigentlich wünscht man sich einen Erfolg im Männerfußball. Da dies aber in der nächsten Zeit eher als unrealistisch einzustufen ist, setzt man auf den Erfolg im Frauenfußball“, verrät Xiaofei. Die chinesischen Frauen stehen daher unter gewaltigem Druck.

Das kann den deutschen Frauen, die das Turnier am Montag als Titelverteidiger gegen Argentinien eröffnen, nur recht sein. Trotzdem scheute sich Nationaltrainerin Silvia Neid nicht, öffentlich die Titel-Ambitionen auszusprechen: „Wir fahren dahin und wollen überhaupt nichts verteidigen, sondern etwas gewinnen – den WM-Titel. Verteidigen hört sich an wie Angst, Zurückhaltung, Druck, Streß – wir wollen aber Spaß haben.“ Als Weltranglisten-Erster darf sich Deutschland berechtigte Hoffnungen auf einen Triumph machen – ebenso wie auf eine erfolgreiche Bewerbung für die nächste WM im Jahre 2011.

Angesichts derartiger Aussichten kann man leicht nachvollziehen, daß der ständig auf Aktionismus machende DFB-Präsident Theo Zwanziger den Auftritt der Männer im Wembley-Stadion gegen England sausen ließ und lieber das Jubiläums-Länderspiel der Frauen gegen die Schweiz besuchte. „Ich habe mit Herz und Verstand entschieden, nach Koblenz zu kommen“, erklärte Zwanziger am Rande der Feier „25 Jahre Länderspiele der Frauen“. Männer-Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff meinte gar, „die Frauen sind der Stolz des deutschen Fußballs“.

Immerhin 11.280 Zuschauer verfolgten den 7:0-Sieg der deutschen Elf. Ansonsten sind die Besucherzahlen aber eher dürftig. Zwischen 421 und 1.625 Anhänger erschienen zu den sechs Begegnungen des ersten Bundesliga-Spieltages. Auch das sportliche Niveau läßt sich entgegen anders lautenden Stellungnahmen nicht mit dem der Männer vergleichen. Dies stellte Karl-Heinz Heimann, der Herausgeber des Kicker, nach dem WM-Gewinn 2003 klar: „Ein paar Schlaumeier wollten sich unter der Woche wichtig machen mit dem Vorschlag, auch Frauenmannschaften in der Männer-Bundesliga mitspielen zu lassen. Sie wissen nicht, wovon sie faseln. Wie sich in der Vorbereitung unserer Mädchen auf die WM gezeigt hat, sind ihnen – noch – selbst B-Juniorenmannschaften überlegen, weil sie durch ihr höheres Tempo jede Spielentfaltung bei den Frauen verhindern.“

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