Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Vermittlung zwischen Liebenden

Mit der Liebe ist es so eine Sache. Und mit der Liebeskommunikation erst recht. Diesem ewigwährenden Phänomen widmet das Berliner Museum für Kommunikation eine Ausstellung. Da geht es um die verschiedensten Wege der Kontaktanbahnung und die unterschiedlichen Varianten, mit denen sich Paare gegenseitig ihre Zuneigung zu versichern suchen. Klassisches Medium der Liebesbotschaft ist der Liebesbrief. Die ältesten noch vorhandenen Exemplare in Deutschland stammen aus dem frühen Mittelalter. Sie sind meist sehr aufwendig und individuell gestaltet – ein Zeichen dafür, daß die Autoren und Empfänger fast durchweg den oberen Gesellschaftsschichten angehörten. Im späteren Mittelalter ist ein deutlicher Trend zur Standardisierung erkennbar. Mutmaßlich dienten „erfolgreiche“ Liebesbriefe als Vorlagen, auf welche weniger einfallsreiche Zeitgenossen gerne zurückgriffen. Mit dem seßhaft gewordenen Adel und dem Siegeszug der höfischen Mode verstärkt sich dieser Zug. Im bürgerlichen Zeitalter wird es zum Massentrend, sich aus zahlreichen Ratgebern zu bedienen. Zudem bieten sich professionelle Autoren an, die ihren Zeitgenossen Liebesbriefe schreiben. Ein klassisches Instrument der Liebeskommunikation ist der Fächer, eigentlich zur Luftbewegung in schwüler Atmosphäre erdacht. Die Sprache der Kommunikation mittels Fächer ist einerseits international, denn sie kann ohne Sprachbarrieren erfolgen; auf der anderen Seite erfordert sie eine genaue Kenntnis der „gefächerten“ Botschaften. Ansonsten eignet sich der Fächer natürlich zur bloßen Koketterie, wie sie besonders an den Adelshöfen im 18. Jahrhundert betrieben wurde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfreut sich der mechanische Telegraf, eine verstellbare Metallkonstruktion, großer Beliebtheit. Mit seiner Hilfe können wie mit dem Fächer nonverbale Signale ausgesendet werden. Auch diese Kommunikation bedarf einer genauen Kenntnis der signalisierten Stellungen. Mit dem Siegeszug des Telefons kam der mechanische Telegraf – anders als der Fächer – schnell wieder außer Mode. Das Tischtelefon war nicht nur in Deutschland bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts äußerst populär. Vereinzelt wird heute in Tanzlokalen erneut an diese Tradition angeknüpft. Im Kapitalismus wird auch die Liebe als „Produkt“ vermarktet Mit der Postkarte wird am Ende des 19. Jahrhunderts die Kommunikation für Liebende noch einfacher. Zugleich werden die Produkte immer mehr zur Massenware und verlieren dadurch häufig ihre letzten individuellen Züge. Im Kapitalismus schließlich zeichnet sich eine zunehmende Vermarktung des „Produktes“ Liebe ab. Immer mehr Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung von Utensilien, welche Liebende vermeintlich benötigen. Die Kitschproduktion erreicht ungeahnte Höhen: Liebesherzen aus Schokolade und Marzipan, Liebestorten, Liebesdragees und Brettspiele für Liebende kommen in Mode. Parallel zu diesem Trend wird jedoch – mit dem Massenzuzug in die Großstädte – eine erfolgreiche Kontaktanbahnung zunehmend schwieriger. Viele Liebessüchtige bedürfen nun der Kontaktanzeige, um überhaupt einen „potentiellen“ Partner zu treffen. Vorbei sind damit die Zeiten, in denen der Autor Gottfried Keller auf seine Schreibunterlage viele Hunderte Male alle möglichen Schreibformen des Wortes Betty zeichnete. Betty Tendering war die Schwester von Lina Duncker, der Gattin des Verlegers Franz Duncker, in dessen Haus Keller während seines Berlin-Aufenthaltes im Jahr 1855 verkehrte. Dies war bis dato die klassische Form der Kontaktanbahnung im bürgerlichen Zeitalter. Doch nicht nur Kellers beeindruckender – und nie versandter – Liebesbrief ist in der Ausstellung zu besichtigen, sondern auch ein Liebesbrief des späteren US-Präsidenten Bill Clinton aus seiner Collegezeit, ebenso einige Liebespost an Adolf Hitler von verheirateten Frauen, die dem „Führer“ „gerne zu Nachwuchs“ verhelfen wollten. Amüsant sind auch ein Kühlschrank voller Notizzettel eines Schweizer Paares sowie diverse Beispiele moderner ePost-Liebeskommunikation, welche den klassischen, per Hand geschriebenen Brief zwar nicht ersetzt, jedoch längst in den Hintergrund gedrängt hat. Ausstellung „liebe.komm – Botschaften des Herzens.“ Museum für Kommunikation, Berlin. Bis 3. September. Katalog, 240 S., 19,80 Euro Foto: Fragile Partnerschaften: In Zeiten des Internets sich schneller finden, aber auch schneller verlieren …

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