Spielerisches Nationalgefühl

Die Stimmung in Deutschland ist derzeit so sensationell, daß man sich vor dem Ende der Fußball-WM richtig fürchten muß. Nicht zuletzt angesichts der euphorischen Presseberichte aus dem In-und Ausland reibt man sich verwundert die Augen und fragt: Sind das wirklich wir Deutschen, oder handelt es sich lediglich um eine Mystifikation? Wer die Atmosphäre im Stadion oder auf den Straßen des Landes aktuell miterlebt, ist tatsächlich um eine fundamentale Erfahrung reicher: Das sind schon wir, doch eben nicht so, wie wir uns bislang kannten. Ebenso groß wie das Erstaunen über die famose Leistung des jungen DFB-Teams, das mit unerwartetem Spielwitz, echtem Wir-Gefühl und sympathischer Lockerheit aufwartet, ist also unser Erstaunen über uns selbst, etwa mit welch ungetrübtem Vergnügen und unangestrengtem Zusammengehörigkeitsgefühl wir diese WM zu feiern verstehen, mit Familie, Freunden und Fremden. In der Tat, was uns dieser Tage begegnet, ist eine Atmosphäre der Herzlichkeit, Verläßlichkeit und der nationalen Selbstgewißheit. Verloren geglaubte Begriffe wie Patriotismus und Nationalgefühl werden seitens der Medien ins Spiel gebracht, um die euphorische Stimmung im Land hinlänglich zu beschreiben. Selbstgewißheit durch Gäste aus aller Welt Was politische Kampagnen wie „Du bist Deutschland“ nicht einmal im Ansatz vermochten, haben Klinsmanns Kicker und mit ihnen eine ganze Nation sprichwörtlich spielerisch erzeugt: ein „Wir“, das sich der nationalen Symbole bemächtigt, lebenshungrig und voller Zuversicht. Wohl vor allem letzteres. Der Sieg gegen Argentinien, diagnostiziert die italienische Tageszeitung Corriere della Sera, nähre „das enthusiastische Delirium von Millionen von Menschen“. In Berlin domizilierte Schweizer erscheinen schwarz-rot-gold gewandet, um die Deutschen zu unterstützen, deren Medien und Politik – wie eine von ihnen verwundert bemerkt – so seltsam verunsichert seien. Deutschland, so die Schweizerin, sei offensichtlich „ein Land, das sich erst noch definieren muß“. Die Beurteilung der Deutschen vermischt sich nicht selten mit jener des Fußballteams. Oftmals überschwengliche Kommentare aus dem Ausland geben davon Zeugnis. Die Rede ist von „Deutschlands neuer, schöner Generation“ (Aftonbladet) oder vom „neuen Deutschland“, das vibrierend, jung, anarchisch und gar brillant sei (Sunday Times). Einem dänischen Journalisten zufolge haben die Deutschen mit ihrem „Party-Patriotismus“ „ein Ventil gefunden“, um „ihre nationalen Gefühle auszuleben“. Er setzt hinzu: „Das traut ihr euch ja sonst nicht, ihr habt ja Angst, eure Gefühle zu zeigen.“ Am guten Wetter allein oder am gebotenen Fußball liegt es wohl kaum, was dieser Tage in Deutschland passiert. Wer der WM-Begegnung Schweiz-Ukraine beiwohnte, wurde auf eine harte Probe gestellt. Das Spiel verströmte allenfalls den spröden Charme eines Abstiegskrimis der zweiten Bundesliga. Dennoch war die Stimmung selbst unter den neutralen Besuchern im Stadion ausnehmend gut, man übte sich in Geduld, war fast von chinesisch anmutender Höflichkeit. Da paßte es ins Bild, daß die talentierten, aber harmlosen Schweizer nicht einmal beim abschließenden Elfmeterschießen einen einzigen Treffer erzielten. Deren Trainer Köbi Kuhn resümierte wehmütig: Niemals würde er, auch nicht während nächsten EM im eigenen Lande, noch einmal so viele Schweizer Fans in einem Stadion sehen. Dazu wären die Schweizer Arenen einfach zu klein. Wir sind Ghana, Trinidad, Togo – begeistert für die anderen Geradezu unglaubliche Szenen spielten sich im Vorrundenspiel zwischen Frankreich und Togo in Köln ab. Nachdem Frankreich das Spiel schnell in den Griff bekam, feierte das deutsche Publikum den Außenseiter lautstark bis zum Abpfiff, ein Teil tanzte gar in den Nationalfarben Togos eine rheinische Polonaise. Ähnlich bei Ghana, dessen Mannschaftskapitän Stephen Appiah nach dem Sieg gegen Tschechien bekannte: „Die Fans hier in Köln sind fantastisch. Als sie anfingen, ‚Ghana, Ghana‘ zu rufen, wollte ich fast weinen“. „Und Deutschland bewegt sich doch“, titelte derweil die Neue Zürcher Zeitung kurz nach der WM-Eröffnung geradezu prophetisch. Das Fußballfest löse so manchen Knoten und verbindet die Angehörigen einer Nation, die in letzter Zeit in Trübsal zu versinken drohte. Und weiter: „Plötzlich werden Energien und Wir-Gefühle spürbar, die man kaum mehr für möglich gehalten hätte. Hat die ‚Weltmacht Fußball‘ gar jenen ‚Ruck durch Deutschland‘ ausgelöst, auf den man in normalen Zeiten so lange vergeblich wartete?“ Das allerdings ist die große Frage, deren Beantwortung uns auch die enthusiasmierten ausländischen Korrespondenten nicht werden abnehmen können.

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