Neue Wörter kriegt das Land

Die Wetterwarte oder die Sternwarte sind uns schon lange bekannt. Sie beobachten den Himmel und ermöglichen uns dadurch Prognosen für die Zukunft. Seit Ende 2000 gibt es nun eine Wortwarte, da ja auch unsere Sprache ständig im Fluß ist. Der Linguist Lothar Lemnitzer von der Universität Tübingen hat sie eingerichtet (im Internet unter www.wortwarte.de ) und ermöglicht uns dadurch, Voraussagen für die sprachliche Entwicklung in unserem Land zu machen. Die Wortwarte verzeichnet nicht etwa die in diesem Jahr oder in diesem Monat neu entstandenen Wörter, sondern hier werden für jeden Tag die in der Presselandschaft erstmals auftauchenden Wörter aufgelistet. Dazu werden die gängigsten Zeitungen und deren Online-Ausgaben herangezogen. Daß die JUNGE FREIHEIT nicht dabei ist, überrascht nicht, denn hier würde man wohl auch kaum fündig. Mit Hilfe der Suchmaschine Google sucht die Wortwarte nach neuen Wörtern. Die meisten hierbei gefundenen lassen sich allerdings durch Rechtschreibfehler erklären oder sind Ausrufe wie „boah“ und „eh“, die keiner Rechtschreibregel unterliegen. Dennoch bleiben täglich zwischen zwanzig und fünfzig Wortneuschöpfungen übrig; es können auch schon mal über hundert sein. Diese Neologismen stellt Lemnitzer dann auf seiner Wortwarte vor unter der Überschrift „Worte von heute und morgen“. Heute wird „gesimst“, „gemmst“, „gebloggt“ und „gepodcastet“, und wer dies nicht tut, der ist „retro“. Andere Wortneuschöpfungen vergangener Jahre wie der „Walkman“ oder der „Kabelsalat“ sind mittlerweile fast ganz wieder verschwunden. Die Neologismen lassen sich in vier Gruppen einteilen. Genuine Neubildungen sind recht selten. Am ehesten haben Produktnamen hier eine Chance: „Nogger dir einen.“ Häufiger sind Ableitungen wie „gefaxt“, „rüberfaxen“ oder „faxbar“. Die weitaus meisten Wortneuschöpfungen sind aber dennoch Komposita und Anglizismen. Gerade die deutsche Sprache bietet nahezu unbegrenzte Möglichkeiten für Komposita. Viele von ihnen sind zeitbedingt wie zum Beispiel der „Waschbrettbauch“, der „Rüpelrentner“, der „Beliebigkeitskanzler“ oder die „Bundesglucke“ (Kosename für Angela Merkel). Überaus zahlreich sind die täglich neu auftauchenden Anglizismen, die schon 40 Prozent der Wortneubildungen ausmachen. Manchmal werden sie nur humorvoll gebraucht, meistens jedoch in wissenschaftlichem oder alltäglichem Kontext – und fast immer vermeidbar. Die meisten Anglizismen kann Lemnitzer übrigens bei Handy-Verträgen ausmachen. Anglizismen sind auf dem Vormarsch, das muß auch Lemnitzer feststellen: „Die Befunde stimmen.“ Dennoch sieht er „keinen Grund zur Sorge“. Ganz anders der Verein deutsche Sprache e.V., der einen äußerst kritischen Standpunkt vertritt. Seine lange Anglizismenliste wird ständig erweitert ( www.vds-ev.de/denglisch/anglizismen/anglizismenliste.php ). Kein Wunder also, wenn man auf der Straße, in Radio und Fernsehen mehr und mehr das Wort „Kids“ vernimmt – und immer seltener „Kinder“. Gerade hier wird der Wandel der Sprache deutlich sichtbar. Sogar die Wortwarte muß zugeben, daß eine Verdrängung des Wortes „Kinder“ durch das denglische Pendant möglich ist. Die wissenschaftliche Forschung erkennt der Wortwarte allerdings keine große Relevanz zu, da hier auch zahlreiche einmalige Wortbildungen aufgelistet werden. Dennoch nimmt die Wortwarte unsere Sprache ins Visier und zeigt neben manchem Humorvollen auch einen starken Trend auf, zu dem sie täglich neue Beispiele anführt: die Verhunzung der deutschen Sprache durch immer neue, immer absurdere Fremdwörter aus dem angelsächsischen Sprachbereich. Wenn der Anteil rein deutscher Wörter unter den Neologismen mit den anglizistischen Wortneuschöpfungen kaum mithalten kann, kann hier nur ein Verfall und ein Verlust der deutschen Sprache konstatiert werden. Schon der Liedermacher Reinhard Mey hat diesen Verlust thematisiert; die erste Strophe seines Lamentos „Sorry, poor old Germany“ lautet: „Auf den Müll, ihr Bücher, die ihr/ Lang schon nicht mehr up to date/ Dick und deutsch im Bücherschrank hier/Zwischen meinen paperbacks steht!/Deine Räuber sind längst killer,/Wilhelm Tell greift zur emm-pee/ Sorry for you, Freddy Schiller,/ Sorry, poor old Germany.“

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles