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Die Wirklichkeit der Straße

Gangster und Polizisten, Prostituierte und ihre Klienten, das Leben im Gulag und im Gefängnis: In Rußland besingt man seit jeher die dunklen Seiten des Lebens, erzählt sich gern die harten Geschichten aus Knast und Unterwelt. Kein Wunder, ist doch dort fast jeder mit mindestens einem Menschen befreundet, der entweder im Gefängnis oder im Krieg war, einen Bruch gemacht oder einen schweren Schicksalsschlag erlitten hat. Die Bänder der melancholischen und zugleich kraftvoll poetischen Untergrundlieder von Wladimir Wyssozkij bis Bulat Okudschawa gingen bereits in der Breschnew-Ära von Hand zu Hand. Heute, offiziell gespielt, sind sie in Rußland und den Nachfolgestaaten der GUS – neben englischsprachigem Pop – beliebter denn je. Als Wyssotzkij, gerade 42 Jahre alt, ausgerechnet während der Olympischen Sommerspiele von Moskau verstarb, folgten seinem Sarg – trotz offiziellen Stillschweigens – fast einhunderttausend Menschen. Einen derartigen Massenauflauf hatte die Hauptstadt nur selten erlebt, zuletzt beim Tod Stalins, der Lieder, wie sie Wyssotzkij zur Gitarre sang, noch als Symbol der Ganovenwelt gebrandmarkt hatte. Russische Behörden betrachten die Entwicklung mit Skepsis Dabei zählen Lieder über den sorgenvollen Alltag und die unglückliche Liebe, über Krieg und Verbannung, Gewalt und Verbrechen seit jeher zum musikalischen Repertoire Rußlands. Sie haben Generationen geprägt, obwohl sie kaum in der Öffentlichkeit gespielt und nur im Ausnahmefall als Schallplatte veröffentlicht wurden. Erst seit Mitte der neunziger Jahren gibt es Gauner- und Gefängnislieder verstärkt im russischen Rundfunk zu hören. Ihre Resonanz ist mittlerweile so groß, daß es diverse regionale und zudem mit Radio Chanson einen rußlandweiten Sender gibt, die ausschließlich diese Musik spielen. Neben Barden wie Wyssozkij und Okudschawa und deren „Nachfahren“ Rosenbaum und Krug hört man dort auch Tokarew und Schufutinski, die während der Perestroika aus dem amerikanischen Exil zurückkehrten, ganze Fußballstadien füllten und mittlerweile gar als „Väter des russischen Chansons“ firmieren. Nicht ohne Wirkung blieb das Wiederaufleben der einstigen Untergrundmusik auf die junge Generation. Aktuell sorgt eine Handvoll junger russischer Bands für Furore, die in einer Mischung aus russischen Volks- und Bardengesängen, angereichert mit Ska, Punk, Jazz- und Rap-Rhythmen, die Themen der russischen Gauner- und Gefängnislieder adaptieren. Die Musik der Band La Minor etwa erinnert an die Sowjetunion der dreißiger bis fünfziger Jahre und klingt wie ein Soundtrack aus alten Gangsterfilmen. Ihre aktuelle CD trägt den programmatischen Titel „Blatnyak“, was traditionell die gesamte Bandbreite der Lieder meint, die von Gaunern und ihren Abenteuern, von der Zeit in Gefängnis und Lager und der Sehnsucht nach Freiheit und Heimat handeln. La Minor, Auktion, Lesopowal oder die mittlerweile berühmt-berüchtigte Bigband „Leningrad“ (in Westeuropa auf dem Label Eastblok Music) sind längst kein Geheimtip mehr. Ihre Musik floriert mittlerweile auf dem russischen Ableger von MTV, in Westeuropa oder den USA unter Schlagwörtern wie „Ska-Gangsta-Folk“ oder „Odessa Beat“, als Referenz an die Unterwelt-Metropole der zwanziger Jahre. Die russischen Behörden sehen das Wiederaufleben der Blatnyak-Musik, gepaart mit der subtilen wie subversiven Kraft des „Mat“, der russischen Vulgärsprache, mit durchaus ambivalenten Gefühlen. Während sich etwa Leningrad den Zorn des Moskauer Bürgermeisters Lushkow zuzog, der über die Band wegen Beleidigung der Öffentlichkeit einen Auftrittsverbot verhängte, ließ Wladimir Schirinowski Lesopowal mit ihren Gulag-Liedern auf seiner Geburtstagsfeier singen. In der ukrainischen Hauptstadt Kiew wiederum wurde den Fahrern der städtischen Sammeltaxis das Hören von Ganoven- und Gefängnisliedern per Dekret untersagt. Doch ein Zurück in den Untergrund gibt es für die Blatnyak-Musik wohl kaum. Oder etwa doch? Ihre Gegner jedenfalls wollen in dem gewaltsamen Tod des Liedermachers Michail Krug, dessen Hit „Zentralgefängnis von Wladimir“ mittlerweile als Handyton zu haben ist, ein Fanal gegen diese „Propaganda für kriminelle Subkultur“ entdecken. Musiker wie Leningrad-Sänger Shnurov, von seinen Fans als russischer Eminem und legitimer Nachfolger Wyssotzkijs gefeiert, sehen das naturgemäß anders. Er wolle gezielt schockieren, so Shnurov, indem er seine Zuhörer in die Wirklichkeit der Straßen Rußland hole und sie dort mit den krassesten Aspekten der Realität konfrontiere: mit Alkoholismus und Drogenkonsum, Verrohung, Mord und moralischem Verfall. Foto: Sergej Shnurov (mit Brille) und die Band Leningrad: Großer Erfolg mit russischem „Gangster-Folk“

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