Conservare Communication „Grüner Mist“ – nein danke! #GrünerMist 2021

 

Bauchtanz statt Blasmusik

Das Berliner Institut für Vergleichende Sozialforschung (IfVS) hat das Fernsehverhalten der in Deutschland lebenden Türken untersucht. „Ali Normalverbraucher“ schaut demnach täglich viereinhalb Stunden fern. Zwar schaltet er auch gelegentlich ARD oder RTL ein, doch am liebsten sieht er türkische Sender. Das kann man verstehen: Ali fühlt sich von den deutschen Programmgestaltern nicht gerade repräsentiert. Die privaten Fernsehmacher haben vorwiegend ihre „Zielgruppe 14 bis 49 Jahre“ im Kopf; Zuwanderer gelten kommerziell nicht als „Premium-Konsumenten“, deshalb meint man ihre Programmwünsche vernachlässigen zu können. Und die Öffentlich-Rechtlichen? Die haben früher, in den siebziger Jahren, noch einmal wöchentlich „Ausländerprogramme für Gastarbeiter“ produziert und Ali in seiner Muttersprache erklärt, wie deutsche Bürokratie funktioniert. Doch seit es Satellitenfernsehen gibt, schaut Ali viel lieber Bauchtanz am Bosporus im türkischen Samanyolu-TV als Staatsbürgerkunde im Dritten. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben ihr „Ausländerprogramm“ irgendwann resigniert eingestellt. Deutsch-französischer Sender Arte als Vorbild Das soll jetzt wieder anders werden: Der WDR prüft im Auftrag von ARD und ZDF Pläne eines TV-Kanals für türkische Zuwanderer. Auftrag: mehr Integration. In den Sendergremien hat man sich auch schon Gedanken über Inhalte gemacht: So wurde vorgeschlagen, eine türkische Version von „Wer wird Millionär“ zu produzieren. Für den Anfang erwägt man derzeit die Möglichkeit, das Integrations-TV als Programmfenster auszustrahlen; langfristig wird ein exklusiver Digitalsender in deutsch-türkischer Koproduktion nach Vorbild des deutsch-französischen Projekts Arte angestrebt. Doch schon wird Kritik laut. Der Intendant des Südwestrundfunks, Peter Voß, meint, die Idee sei „gut gemeint, läßt aber nicht mehr Miteinander, sondern noch mehr Nebeneinander erwarten“. Der Türkischen Gemeinde in Deutschland dagegen ist ein eigener Sender noch viel zu wenig. Ihr Sprecher, Seref Erkayhan, fordert in einem Sieben-Punkte-Programm gleich ein „Migrations-Mainstreaming in den deutschen Medien“ – von der Nachrichtensendung bis zur Serie. Aber dieser Streit ist ohnehin absurd: Die Kosten für vier Stunden tägliches Programm werden mit bis zu 25 Millionen Euro veranschlagt. Bei soviel Geld sollte man wissen, ob die Zielgruppe überhaupt eine Affinität zum geplanten Angebot hat. Denn die türkische Fernsehlandschaft in Wohnungen und Teestuben in Deutschland wird dominiert von den sechs Programmen des türkischen Staatssenders TRT sowie privaten Unterhaltungs-, Sport- und Musikkanälen. Die beiden bereits bestehenden deutsch-türkischen Sender mit Sitz und Produktion in Deutschland (TD1 und Aypa TV), die sich an deutsch-türkische Zuschauer wenden, wie es der geplante Integrationssender ebenfalls tun soll, arbeiten heute schon ständig am Rand des Ruins. Die Berliner Fernsehforscher attestieren dem türkischen Fernsehen überwiegend eine „neutrale bis positive“ Einstellung gegenüber dem westlichen Europa und seinen kulturellen Werten. Laut Abschlußbericht des IfVS verbreiten vier der rund fünfzig per Satellit zu empfangenen Kanäle aber auch extremistische Islamisten-Propaganda. Dennoch kann der Einfluß dieser Programme auf junge Türken in Deutschland aber wohl als gering eingeschätzt werden: Selbst auf gläubige Jugendliche wirken greise Fernsehprediger nicht sehr sexy. Ganz anders der antiamerikanische türkische Action-Streifen „Tal der Wölfe“, der die Türken auch hierzulande scharenweise in die Kinos trieb. „Tal der Wölfe“ war in der Türkei bereits eine sehr erfolgreiche TV-Serie und wanderte per Satellitenschüssel auch in deutsche Wohnzimmer. Welche Wirkung dagegen die Haß-Dauerorgie des libanesischen Hisbollah-Senders Al-Manar in den Köpfen von „Migrantenkids“ entfaltet, ist schwer meßbar. Der Satellitenbetreiber Eutelsat hat den Kanal zwar im Jahr 2005 auf Druck der französischen Regierung abgeschaltet, doch zu empfangen ist die Gewalthetze weiterhin über arabische Betreiber. Der gefürchtete Einfluß antiwestlicher Agitation auf die türkischen Zuwanderer in Deutschland findet ohnehin überwiegend jenseits des staatlich kontrollierten Fernsehens statt: auf der Straße oder im Internet. Was sich dort abspielt, entzieht sich Aufsicht und Einfluß gut meinender Medienmacher. Es ist demnach fraglich, ob ein deutsch-türkischer Fernsehsender nach Arte-Konzept diejenigen Migranten erreicht, deren innere Integration auf der Kippe steht.

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