Der fleischgewordene Widerspruch

In einer von Furcht und Nachgiebigkeit bestimmten Atmosphäre stellt Henryk M. Broder für viele das letzte publizistische Sturmgeschütz gegen den raumgreifenden Islamismus dar. Broder ist auf allen Kanälen, im Spiegel, in Tageszeitungen und im Internet präsent, und er traut sich, Klartext zu sprechen. Die Canossa-Haltung des Abendlandes äußere sich darin, daß die Katholische Kirche 359 Jahre gebraucht habe, um das eindeutige Fehlurteil über Galileo Galilei zu revidieren, während jetzt Papst Benedikt nur zwei Tage benötigte, „um sich von einem Zitat zu distanzieren, das fast 600 Jahre alt und dennoch aktuell ist“. Die Forderung nach einem christlichen „Dialog auf Augenhöhe“ mit dem Islam kontert er mit der Gegenfrage, ob man etwa die Steinigung wegen Ehebruchs (wie in Saudi-Arabien) oder die Verheiratung zwölfjähriger Mädchen (wie im Iran) als gleichwertig ansehe. Für Broder führen solche Werteindifferenz und Blauäugigkeit zur vorauseilenden Kapitulation des Westens. Seit Jahren schon glossiert er, wie der deutsche Staat in dem Bemühen, seinen muslimischen „Mitbürgern“ entgegenzukommen, rechtsfreie Räume eröffnet, die anschließend durch nicht-deutsches Recht gefüllt würden. Der Karikaturenstreit, die Demonstrationen eines Mobs gegen die Papst-Rede und nun das präventive Einknicken eines Berliner Opernhauses vor einer noch gar nicht erfolgten Drohung sind der globale Rahmen dieser Entwicklung bzw. fügen sich in sie ein. Sie gäben „einen Vorgeschmack auf etwas Größeres“, und eines Tages würden „sich alle fragen: Warum haben wir die Zeichen an der Wand nicht sehen wollen?“ Sein Sensorium hat gewiß mit seiner Herkunft zu tun. Wer 1946 in Kattowitz als Sohn jüdischer Eltern geboren wurde, dem ist eine jahrhunderalte Geschichte von Verfolgung und Gefahr als Morgengabe in die Wiege gelegt worden. Es braucht Mut, sich als Islamismus-Kritiker zu exponieren, wie Broder das tut, das muß ihm seit dem Mord an Theo van Gogh klar sein. Broders Wortwitz ist zur Zeit beinahe konkurrenzlos, und sein Internetauftritt erinnert von ferne an die Einmann-Zeitschrift Die Fackel, in der Karl Kraus sprachkritisch und monomanisch mit der k.u.k. Monarchie und der österreichischen Republik abrechnete. Doch es ist nur eine Erinnerung von ferne. Denn viele Texte Broders haben ein kurzes Verfallsdatum, weil sie sich in Invektiven, Polemik und Oberflächenkritik erschöpfen und nicht den Kern treffen. Mit wieviel Einsatz hatte er den Irak-Krieg unterstützt und die falsche Begründung (Massenvernichtungswaffen) übernommen; die Gegenargumente, die sich inzwischen längst als richtig erwiesen haben, konnte er sich nur als Verirrungen denken. Zweitens sind Broders Kritiken häufig keine originäre Leistung, sondern er tritt mit Getöse Türen ein, die bereits weit offenstehen, die andere nur nicht zu durchschreiten wagen. Seine Befürchtungen hinsichtlich des Islamismus faßt er in der griffigen Formel zusammen: „Eurabia willkommen!“ Andere hätten deswegen eine Klage wegen Volksverhetzung an den Hals bekommen. Das führt auf einen dritten Punkt. Broder hat einen Ruf als Tabubrecher, was an sich schon verdächtig ist, weil Tabus in Deutschland bloß Selbstverständlichkeiten sind, die „wegen der deutschen Geschichte“ öffentlich nicht ausgesprochen werden dürfen. Wenn er gleichzeitig daran arbeitet, „das schlechte Gewissen der Deutschen“ wachzuhalten (so die wohlmeinende Formulierung der Süddeutschen Zeitung), dann ist klar, daß Broder seine Stellung auch einer Narrenfreiheit verdankt, und es wäre zu fragen, in welchem Verhältnis sein vom Willen zum Mut getragener Ausnahme-Status zur kritisierten allgemeinen Feigheit steht. Nimmt Broder etwa nur eine Ventilfunktion in einem absurden kommunikativen System wahr, an dessen blinden Flecken er zunehmend leidet, das er aber bei Strafe seiner eigenen Stellung nicht grundsätzlich in Frage stellen darf? Seine Themenwahl legt das nahe. Der Großteil der Glossen, die er unter dem Titel „Schmock der Woche“ veröffentlicht, widmet er der Halbwelt aus mittelmäßigen Unterhaltungsstars, Vergangenheitsbewältigern, Warnern und Mahnern, die heute die Funktion übernehmen, die früher „die gute Gesellschaft“ innehatte, sowie dem Verbandsleben jüdischer Organisationen, denn nichts, meint Tabubrecher Broder, erfreue die „Gois“ mehr, als wenn Juden sich gegenseitig verprügelten. Andererseits kann man Tränen lachen, wenn er über Iris Berben ätzt, lieber solle sie „ihr Höschen“ zeigen, statt aus dem Tagebuch der Anne Frank zu lesen. Oder wenn er sinniert, ob Richard Gere, Tom Hanks oder doch nur Bild-Chef Kai Diekmann die Hauptrolle übernimmt, wenn demnächst das Leben des Frauenflüsterers Michel („Mischu“) Friedman verfilmt wird, und wenn er dessen Ehefrau Bärbel Schäfer die „Domina des Unterschichtenfernsehens“ nennt. Doch bei solchen Äußerlichkeiten bleibt es denn auch. Das Phänomen Friedman wird auf die Frage „Gel oder nicht Gel?“ verengt und damit verfehlt. Broders provokante Stilkritik dringt kaum einmal in die Tiefenstrukturen politischer Machtverhältnisse vor. Den Historiker Norman Finkelstein („Die Holocaust-Industrie“) tut er als Ödipussi ab, so erspart er sich jedes Argument. Zwar räumt er ein, daß der Holocaust eine „Goldgrube“ sei, wo die Interessenten ihre „Claims“ absteckten, doch er beläßt diesen Mißbrauch auf der Ebene menschlicher Schwächen. Daß auch knallharte politische Interessen eine Rolle spielen könnten, verweist er in den Bereich antisemitischer Legendenbildung. Und damit kommen wir zurück zu seiner Islamismus-Kritik. Europas Schwäche erklärt sich für Broder daraus, daß der Islam die „Ehre“ in den Mittelpunkt stelle, das Christentum die Erbsünde, was Europa zu Selbstkritik und -reflexion befähige, aber auch zu übertriebenem Verständnis und zur Nachgiebigkeit führe. Nietzscheaner werden ihm darin zustimmen. Doch das erklärt nicht, warum die „Erbsünde“ sich gerade in dem Moment politisch destruktiv auswirkt, in dem die Säkularisierung Europas vollendet ist. Könnte der Grund darin liegen, daß Gott, der in Auschwitz gestorben sein soll, von den Deutern des Holocaust politisch beerbt wurde und Europa vor lauter Buße (darunter der Aufnahme islamischer „Migranten“) politisch handlungsunfähig geworden ist? Der schlichte Pro-Amerikanismus, den Broder vertritt, ist kein Ausweg. Der Forderung der USA, die Türkei in die EU aufzunehmen, schließt er sich an. Die Türken müßten nur den Völkermord an den Armeniern anerkennen, alles andere seien „technische Fragen“. Aber würde der Islam dann nicht noch mehr Terrain gewinnen? Broder verkörpert einen unaufgelösten Widerspruch, der ihn selbst und das Land zum Bersten bringt. Henryk M. Broder; Hurra, wir kapitulieren; Von der Lust am Einknicken; wjs Verlag, 167 Seiten, geb., 16 Euro Auszug: „Da ich nicht Terrorist werden konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als Journalist zu werden. Das ist kein sehr angesehener Beruf, er rangiert sogar noch unter dem des Terroristen. Ein Terrorist kann mit Verständnis der Gesellschaft rechnen, damit, daß ihm bei einer Festnahme nicht nur seine Rechte vorgelesen, sondern auch umgehend Mutmaßungen über seine Motive angestellt werden: Warum er gar nicht anders handeln konnte und warum nicht er, sondern die Gesellschaft für seine Taten verantwortlich ist.“ Foto: Henryk M. Broder: Sein schlichter Pro-Amerikanismus ist kein Ausweg aus europäischen Sackgassen

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