68er auf dem Sterbebett

Thomas Bernhard drückte sich gern apodiktisch aus: „Das Leben ist ein Debakel.“ Tatsächlich läuft es mit fortgesetzter Lebenszeit wohl auf ein derartiges Resümee hinaus, wenn man sich nicht von früh an dem verführerischen Netz von Weltanschauung, Illusion und Angepaßtheit entzieht. Wie so ein Debakel aussieht, führt uns Denys Arcand in seinem tragikomischen Film „Die Invasion der Barbaren“ (2. Juli, 23.15 Uhr, ARD) vor. 17 Jahre nach der „Untergang des amerikanischen Imperiums“ (der Film läuft im Anschluß) erzählt Arcand die Geschichte seines Protagonisten, des Alt-68er Geschichtsprofessors, hedonistischen Freigeists und Schürzenjägers Rémy, zu Ende. Abrechnung mit 68ern, satirisch-feinsinnig Angesichts seines heranrückenden Todes gelangt dieser zu der Einsicht, daß er mit seinen Lebenszielen gescheitert ist. Zu spüren bekommt es Rémy etwa in dem maroden Krankenhaus, für dessen Verstaatlichung er sich einst erfolgreich eingesetzt hatte. Ausgerechnet sein ungeliebter Sohn Sebastián, ein erfolgreicher Investmentbanker, besticht nun die Direktorin des Krankenhauses, um dem Vater eine angemessene medizinische Behandlung zu garantieren. Mit dem nötigen Kleingeld läßt der Sohn auch die Freunde des Vaters einfliegen, die an dessen Sterbebett über Sex, die Unwägbarkeiten des Seins und ideologische Verirrungen parlieren. Arcands „Die Invasion der Barbaren“ ist eine satirisch-feinsinnige Abrechnung mit den 68ern, die – bei pessimistischem Unterton – von ihrer Liebe zu den Figuren lebt. Dies derart überzeugend, daß Arcand den Oscar für den besten ausländischen Spielfilm erhielt.

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