Dem Reich ein schweres Erbe hinterlassen

Als sein Vater Heinrich III. 1056 mit 39 Jahren starb, war Heinrich ein sechsjähriger Knabe und es begann eine der längsten und umstrittensten Regierungszeiten eines deutschen Herrschers. Sie fand ihren geschichtsmächtigen Höhepunkt in der Auseinandersetzung mit dem Reformpapst Gregor VII. Hier trafen zwei aufeinander, die in ihrem eigenen Machtbereich schon genug Probleme hatten. Heinrich bemühte sich mit wechselndem Erfolg, das Reich in den Griff zu bekommen, und stritt beim Versuch der Wiedererlangung verlorenen Königsguts vor allem mit den Sachsen. Die Großen des Reiches stemmten sich gegen seinen Versuch, das Königtum als erblich in der salischen Familie zu verankern, und beharrten darauf, in freier Wahl den Fähigsten zum König zu wählen. Papst Gregor, dessen Wahl aufgrund von Unregelmäßigkeiten umstritten war, hatte zum einen den üblichen Ärger mit den Römern, zum anderen machte er sich mit seiner Reformpolitik Feinde im Klerus. Das Verbot der Priesterehe und das geforderte Zölibat stießen auf starken Widerstand. Mächtige Feinde machte er sich unter den Bischöfen, besonders den deutschen und norditalienischen, deren Macht er schwächte. Die unbedingte Autorität des Papstes wurde hier erstmals eingeübt. Beide, Heinrich IV. und Georg VII., zogen in ihrem Gebiet die Zügel an und gerieten dabei in Konflikt mit den Fürsten und Bischöfen. Daß sie auch miteinander in einen welthistorischen Streit gerieten, hatte seine Ursache im Investiturverbot Gregors und der dahinterstehenden Ideologie. Gregor gebot allen Klerikern, ihre kirchliche Würde nicht mehr aus Laienhand zu empfangen. Dies bedeutete für den König, daß er ohne Einfluß auf die Besetzung von Abteien und Bistümern und somit ohne Anspruch auf deren Dienste wäre. Da diese aber in ottonisch-salischer Zeit die stärkste Stütze des Königs waren, hätte dies seine Handlungsunfähigkeit zur Folge gehabt. War dies die praktische Seite des Streits, so gab es auch eine theoretische, nicht minder bedeutende. Im dictatus papae machte sich der Papst zum Herrn über alle Königreiche und Länder, der auch Kaiser abzusetzen befugt sei. Er selbst dürfe von niemandem gerichtet werden, seine Urteilssprüche seien unwiderruflich, er selbst jedoch dürfe die aller anderen aufheben. In den Streitschriften der dann folgenden Auseinandersetzung verstieg sich die päpstliche Seite zu der Aussage, daß alle weltliche Gewalt vom Teufel komme und das Königtum von gottlosen Gewalttätern stamme. Hier war das königliche Selbstverständnis unmittelbar herausgefordert. Für den Salier hatte der König ein unmittelbar von Gott kommendes Mandat. Papst Gregor nannte die priesterliche Weihe der königlichen Weihe überlegen und demonstrierte auch optisch mit der neuen zweireifigen Mitra die Überlegenheit des Papstes über Könige und Kaiser. Gregors Anmaßung stellte die unabhängige Verantwortung des Königs für sein Reich in Frage und degradierte ihn zum Vasallen. Damit war die Machtfrage gestellt. Die nun einsetzende publizistische Propaganda, in der auf königlicher Seite die Zwei-Schwerter-Lehre entwickelt wurde, ist in ihrer Sprachgewalt auch heute noch lesenswert. 1075 stellte sich Heinrich, der nach einem Sieg über die Sachsen den Rükken frei hatte, der päpstlichen Herausforderung. Er provozierte Gregor mit der Einsetzung von Bischöfen in Italien, was dieser mit einer scharfen schriftlichen Zurechtweisung beantwortete. Heinrich kündigte ihm darauf in ungeheuren Worten den Gehorsam auf. Es folgte die Verhängung des Kirchenbanns über Heinrich und der Abfall der Reichsbischöfe, die bis dahin treu hinter ihrem König gestanden hatten. Auch die weltlichen Fürsten beschlossen nun die Absetzung Heinrichs, falls dieser nicht binnen Jahresfrist die Aufhebung des Banns erreichte. Heinrich tat nun einen Gang, der in die Geschichte einging. Als reumütiger Sünder nötigte Heinrich den Papst in Canossa, seiner priesterlichen Pflicht zur Barmherzigkeit zu folgen und ihm die Absolution zu erteilen. Es war eine moralische Erpressung, die auch den beabsichtigten temporären Erfolg hatte. Doch der Preis für die momentane Wiedererlangung der Handlungsfreiheit war hoch. Sein Gottesgnadentum hatte Heinrich mit der Unterwerfung unter den Papst aufgegeben und das Recht des Papstes anerkannt, Könige zu bannen. Hermann Heimpel sprach nicht zu Unrecht von der „Todeswunde des deutschen Königtums“. Was war dieser „glänzende Taktiker“ (Karl Hampe) Heinrich für ein Charakter? War es Zufall, daß seine Regierung von wiederholtem Kirchenbann, nicht endendem Bürgerkrieg, zuletzt gegen den eigenen Sohn, geprägt war? Heinrich war verschlossen, mißtrauisch, hart und schroff. Es machte ihm nichts aus, sich und sein Amt zu demütigen, wenn es ihm opportun schien und er anders nicht weiterkam. Schon vor der Bannung richtete er unterwürfige Entschuldigungsschreiben an Gregor, die selbst Rom erstaunten. Den Fürsten bot er an, sie sollten an seiner Statt das Reich regieren, wenn sie ihm nur die Königswürde ließen. Seinen größten Feind Otto von Nordheim machte er während der großen Eskalation mit dem Papst zu seinem engsten Vertrauten. Heinrich schreckte scheinbar vor nichts zurück. Die Zeitgenossen nannten ihn skrupellos, unberechenbar, verschlagen, heimtückisch, und nur zu oft erwies er sich als wortbrüchig. Pikant sind die Vorwürfe sexueller Zügellosigkeit, die Gegenstand vieler Verhandlungen waren und auch Heinrichs Anhänger überzeugten. Aber nicht nur die charakterlichen Schattenseiten lassen ihn in einem düsteren Licht erscheinen. Überzeugend arbeitet Gerd Althoff heraus, wie Heinrich immer wieder die damaligen Spielregeln der Politik brach – was er allerdings mit Gregor gemein hatte. Angesichts der negativen Erfahrungen, die Heinrich während seiner Unmündigkeit machte, als er über- und hintergangen wurde, als Eigensucht und Gewalttätigkeit der Großen auch vor der Entführung des Königskindes nicht zurückschreckten, kann man Heinrichs Zweifel am Funktionieren konsensualer Herrschaft nachvollziehen. Tatsache ist aber auch, daß gerade die Fürsten das Reich oftmals vor Heinrichs Unvernunft bewahrten und für den Frieden wirkten. Grundsätzlich hatten die Fürsten ein Recht auf Beratung in allen wichtigen Angelegenheiten des Reiches. Heinrich verstieß gegen das Herkommen und beriet sich lieber mit Leuten niederer Herkunft. Den Sachsen versuchte er mit Ministerialen seinen Willen aufzuzwingen, wollte bisher erbliche Grafschaften als Ämter etablieren und forderte neuartige Abgaben. Auch gegen die ungeschriebene Regel der milden Bestrafung hochrangiger Königsgegner verstieß er. Daß er seine treuesten Verbündeten unter den rheinischen Städten fand, brachte ihn dem entfremdeten Adel nicht näher. Es gibt gute Gründe, die Herrschaft Heinrichs IV. sehr kritisch zu sehen, und Althoff liefert sie in seiner überzeugenden Darstellung zuhauf. Dabei läßt er ausführlich die Quellen sprechen und scheut sich nicht, manche Frage offenzulassen. Insgesamt ein Werk, in dem Althoffs Ansatz reiche Früchte trägt und das sich mit Gewinn lesen läßt. Heinrichs bewegtes Leben ist auch wahrlich erzählenswert. Als Kind entführt und beim Fluchtversuch fast ertrunken; ebenfalls als Kind Zeuge blutiger Kämpfe seiner Großen um die Sitzordnung in einem Gotteshaus; von den eigenen Söhnen bekriegt; von seiner zweiten Frau, die seinen Sohn verführte, öffentlich durch ausplaudern des Intimlebens bloßgestellt und schließlich als Gebannter gestorben. Dazu Zeichen des Himmels, so als Gegenkönig Rudolf in einer Schlacht die Hand abgeschlagen wurde, mit der er einst Heinrich die Treue geschworen hatte, oder als der Utrechter Bischof, der das Verdammungsurteil über Papst Gregor sprach, binnen Monatsfrist qualvoll starb und der Blitz seine Kirche einäscherte. Am 7. August 1106 starb Heinrich IV. Hat er uns heute noch etwas zu sagen? Vielleicht, daß einem Amt nicht wiedergutzumachenden Schaden zufügen kann, was dem aktuellen Amtsinhaber vorübergehend zu nutzen scheint. Auch daß prinzipienloses Taktieren am Ende gründlich scheitert in einer Zeit, in der es eben gerade um Prinzipien geht. So war Heinrich wohl kein großer Herrscher, aber gewiß ein großes Schicksal. Gerd Althoff: Heinrich IV. Primus Verlag Darmstadt 2006, 336 Seiten, gebunden, Abbildungen, 34,90 Euro „Heinrich IV. im Schloßhofe von Canossa“, Holzstich um 1856: Das prinzipienlose Taktieren scheiterte am Ende gründlich

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