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Nichts darf verlorengehen

Anders als Leipzig war Königsberg kein Zentrum des Buchhandels und des Verlagswesens. Bezeichnenderweise trägt das bedeutendste Werk, das je von einem Bürger dieser Stadt zu Papier gebracht wurde, Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“, auf dem Titelblatt von 1781 den Druckort Riga. Trotzdem: Als politischer und ökonomischer Mittelpunkt der Provinz Ostpreußen, die Preußens östlichste und älteste Universität in ihren Mauern beherbergte, bot die Handelsmetropole am Pregel gute Voraussetzungen, um seit dem 16. Jahrhundert eine „einmalige Bibliothekslandschaft“ herauszubilden, immerhin noch zum wichtigsten „Druckort des Ostens“ aufzusteigen und weit in den baltischen, polnischen und russischen Raum auszustrahlen. Damit ist es bekanntlich seit August 1944 zu Ende, als zwei englische Bombenangriffe das Stadtzentrum verwüsteten und unersetzliche Kulturschätze einäscherten, darunter einen Teil der Königsberger Bibliotheken. Was übrigblieb, fiel im Frühjahr 1945 sowjetrussischen Plünderern in die Hände und wurde in den Nachkriegsjahren auf die Bibliotheken und Archive in Stalins Reich verteilt. Lange hielt sich daher im Westen die Mär, daß von den umfangreichsten Büchersammlungen, denen der Stadtbibliothek und denen der Universitätsbibliothek, kaum einer der 700.000 Bände das Inferno überstanden habe. Die rigorose Abschottung des nördlichen Ostpreußen und die auch internationale Wissenschaftsbeziehungen nicht verschonende notorische Geheimniskrämerei Moskaus gaben solchen düsteren Befürchtungen zusätzlich Nahrung. Mit der Auflösung des Sowjetimperiums ab 1989 hoben sich langsam die Schleier. Was hier und da schon vorher von einzelnen „Forschungsreisenden“ aus dem Westen mit Staunen registriert worden war, wurde auf ganzer Linie zur Gewißheit: Es war bedeutend mehr der Vernichtung entgangen als angenommen. Ein Löwenanteil davon war früh von Polen vereinnahmt und in Thorn „sichergestellt“ worden, wo Königsberger Drucke noch heute in der nach dem gegen jeden historischen Befund grotesk zum „Polen“ umgefälschten Nikolaus Kopernikus benannten Universitätsbibliothek lagern. In Leningrad fanden sich Teile der legendären Wallenrodtschen Bibliothek, nach Wilna gerieten Handschriften- und Altdruckbestände. Wie es der Zufall will, kristallisierte sich ausgerechnet an der durch keine akademisch-historische und schon gar nicht preußische Tradition beschwerten niedersächsischen Reformuniversität Osnabrück in den neunziger Jahren ein durch den Germanisten Klaus Garber initiierter Forschungsschwerpunkt heraus, der sich auf die Königsberger Buch- und Bibliotheksgeschichte konzentrierte. Dort ist man bis heute bemüht, in mühseliger Sucharbeit wenigstens in Ansätzen zu rekonstruieren, was einst in Königsberger Bücheregalen stand. Als nordwestlicher Antipode des deutschen Nordostens und dessen „aus dem Nichts“ sich legitimierender geistiger Nachlaßverwalter etablierte sich Osnabrück im Herbst 1999 im internationalen Rahmen, als dort ein Symposion Wissenschaftler und Bibliothekare aus allen Teilen Europas zusammenführte, die darüber ratschlagten, wie einige Scherben aus dem versunkenen Troja am Pregel wohl zueinander passen würden. Wie immer braucht es aber Jahre, bevor aus Tagungen Tagungsbände werden. Nun jedoch liegt das von Axel E. Walter (Osnabrück) edierte Kompendium zur Königsberger Bibliotheksgeschichte endlich vor, zu dem der Herausgeber mit zwei grundlegenden Beiträgen über das „Schicksal der Königsberger Archive und Bibliotheken“ und „Die virtuelle Rekonstruktion der versunkenen Königsberger Bibliothekslandschaft“ fast ein Viertel des Umfangs beisteuert. Was man über das Schicksal der Königsberger Bücher zur Zeit wissen soll, ungeachtet der noch andauernden Verhandlungen in Sachen „Beutekunst“, erfährt man in diesen, Walters akribische Recherchen ausbreitenden Aufsätzen, die sich selbst bescheiden „Zwischenbilanzen“ nennen. Undeutlich bleibt indes, was diesen großen, letztlich aus der Börse des Steuerzahlers finanzierten Aufwand, was die detektivische Jagd nach Königsberger Büchern eigentlich rechtfertigt in einer historischen Konstellation, in der der deutsche Osten dem kollektiven Gedächtnis einer kaum noch deutsch zu nennenden multiethnischen „Bevölkerung“ zu entschwinden scheint, obwohl gleichzeitig, völlig paradox, das Interesse an Ostpreußen, an Königsberg, unaufhaltsam wächst. Gleichwohl vermag Walter, der nebenbei und postum den Bonner Preußen-Maniac Walther Hubatsch, fälschlich zum Königsberger Ordinarius ernennt, nur lahm zu begründen, wozu diese gigantische Puzzlearbeit dient. „Wiederentdeckung der Vergangenheit“, „gemeinsames geistiges Erbe sichern“, „Identitätsstiftung durch Rekonstruktion“ -diese Begründungsangebote gelangen über Phrasenniveau nicht hinaus. Klaus Garber kann in seinem grundsätzlichen Beitrag über „Bibliothek und Stadt als Orte des Eingedenkens“ hier nicht aushelfen. Bei ihm schwingt der ach so verständliche und sympathische, aber für am Rande unserer Galaxie dahinkümmernde Wesen doch so ersichtlich vermessene Gedanke mit, „nichts schriftlich Niedergelegte“ dürfe verlorengehen. Aber über ein irritierend vages Plädoyer für Bücher als Orientierungsmedien gelangt er nicht hinaus -was nicht zuletzt seiner eigenen zeithistorischen Desorientierung zuzuschreiben ist, da er fortwährend knierutschend über das „Unheil“ fabuliert, das von Deutschland ausgegangen sei, um dann zu allgemeiner Überraschung von der Schuld der „angloamerikanischen Siegermächte, allen voran Churchill“ zu reden, wenn vom Untergang der „kulturellen Hochburgen“ des Reiches, von Würzburg, Hildesheim, Potsdam, Berlin, Dresden und eben Königsberg, oder den „Kleinodien“ Tilsit und Mitau die Rede ist. Nimmt man Garbers so fanatisch klingendes Diktum ernst, „alles je Verschriftete“ müsse an einem Ort, und sei es in einer Datenbank im Weltnetz, wieder verfügbar werden, so ist Axel E. Walters Sammelband mit seinem von positivistischer Beharrlichkeit zeugenden Fleiß sicher ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Triumph der Wissenschaft über die Königsberg zusetzende Vergänglichkeit. Axel E. Walter (Hrsg.): Königsberger Buch- und Bibliotheksgeschichte. Böhlau Verlag, Köln- Weimar- Wien 2005, 822 Seiten, gebunden, Abbildungen, 59,90 Euro Fotos: Dominsel mit Pregelbrücke, Königsberg um 1935: Seit dem 16. Jahrhundert eine einmalige Bibliothekslandschaft im deutschen Osten Wallenrothsche Bibliothek: Weniger vernichtet als geglaubt

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