Spielzeit der kalten Herzen

Dreieinhalb Stunden täglich starrt der bundesrepublikanische Durchschnittsbürger gebannt auf die heimische vierte Wand. Sollte man Peter Winterhoff-Spurks Abhandlung „Kalte Herzen. Wie das Fernsehen unseren Charakter formt“ (Klett-Cotta, 2005) Glauben schenken, ist es höchste Zeit, den Blick von der Mattscheibe ab- und wieder unseren Mitmenschen zuzuwenden. Der Medienpsychologe warnt eindringlich vor der Macht der Medien, allen voran des Fernsehens, welches schleichend unseren „Sozialcharakter“ verändere. Getreu Marxscher „Opium fürs Volk“-Doktrin erkennt Winterhoff-Spurk im Fernsehen als neuer Staatsreligion ein „Psycho-tonikum fürs Volk“ und ruft den aufmerksamen Leser „klipp und klar: A l’arme!“ – zu den Waffen geistig gefühlsmäßiger Reemanzipation. Also zurück zu der ursprünglichen Betrachtungsweise des empfindsamen Individuums in bezug auf das ihm dargebotene Werk: Der Konsument des ihm zur Schau gestellten „Kunstwerkes“ sollte schließlich wissen, daß jeder Satz, jedes Bild, jede Figur offen ist auf eine Vielfalt von Bedeutungen hin, die er entdecken soll, um das Werk in der von ihm gewollten Weise zu benutzen. Somit wäre auch der Fernsehzuschauer in der Lage, aus dem ihm Gezeigten eigene Schlüsse zu ziehen und sie gewinnbringend für sich und andere auf seine Umwelt anzuwenden. Nicht aber im Zeitalter von „Traumhochzeit“ und „Big Brother“. Vom Holländermichel zu Endemols Containerwelt Der arme Schwarzwälder Köhler Peter Munk aus Hauffs Märchen, der um des schnöden Mammons willen sein warmes Herz dem bösen Holländermichel gegen ein kaltes aus Stein eintauschte, hat die Anregung zum Titel des Buches gegeben. Mag der Bogen vom Holländermichel über die aus den Niederlande importierten Fernsehproduktionen „Traumhochzeit“ und „Big Brother“ auf den ersten Blick etwas weit gespannt erscheinen, so haben doch alle ihre tiefgründigen Gemeinsamkeiten: das Zusammenspiel von Unzufriedenheit und der Hoffnung, durch die vollständige Vermarktung der eigenen Gefühle zu Ansehen und Wohlstand zu gelangen. Und seltsamerweise stammen diese Ideen allesamt aus dem calvinistisch geprägten Holland. Als über den idyllischen Schwarzwald im 19. Jahrhundert die industrielle Revolution hereinbrach, weckte der Holländermichel bei der genügsamen Bevölkerung die Geldgier, Spielsucht und sittliche Verderbtheit. Gefühle werden hier als etwas Minderwertiges vermittelt, das man am besten – möglichst gewinnbringend – verkauft. Heute ist unser Hollandbild geprägt von Käse, Cannabis und einigen Stadtteilen Amsterdams, die wir wohlwollend als, sagen wir: weltoffen bezeichnen mögen. Der Schritt vom „Affektfernsehen“ hin zu geistiger Prostitution ist, so Winterhoff-Spurk, nicht weit. In Linda de Mols „Traumhochzeit“ wird dem Zuschauer eine glückliche Welt von unterschiedlichen Paaren vorgegaukelt, wobei es gar nicht darauf ankommt, ob die dargebotenen Gefühle von den Beteiligten wirklich erlebt werden. Ausschlaggebend sei lediglich, sie überzeugend darzustellen und somit kommerziell auszuschlachten. Das Individuum tritt hierbei in den Hintergrund, entscheidend wird das „Oberflächenhandeln“. Der Preis für den Ruhm: Verlust der eigenen Identität Pervertiert werde das Ganze schließlich durch die holländische „Big Brother“-Produktion, deren Konzept darin besteht, einige Männer und Frauen mit möglichst nicht zueinander passenden Charaktereigenschaften konfliktgeladen für hundert Tage in einen Container zu sperren, ihnen jegliche Intimität und Würde zu nehmen und dem Zuschauer deren Wehwehchen zur Befriedigung des eigenen Voyeurismus zwischen diversen Werbeblocks anzubieten. Freilich, dem letzten Überlebenden dieser modernen Art der Käfighaltung winkt ein satter Gewinn und das kurzzeitige Privileg zweifelhafter Bekanntheit. Doch um welchen Preis? Den Verlust der eigenen Identität. Wer nun denkt, dies sei verwerflich, irrt vielleicht dennoch. Leben wir doch heute in einer „Dienstleistungsgesellschaft“, wo es dem persönlichen Erfolg eher abträglich ist, seine Gedanken und Gefühle frei zu äußern. Das moderne „Affekt-“ bzw. „Unterschichtenfernsehen“ suggeriert uns schließlich, daß Gefühlsäußerungen nichts weiter zu sein haben, als hohle Phrasen, die klischeehaft zu aller Wohlgefallen in den Raum geworfen werden. Ehrlichkeit und Mitgefühl sind auch dem modernen Holländermichel und den neuen Peter Munks schädliche Relikte aus längst vergangenen Zeiten. Der richtige Umgang mit anderen Menschen und die Lösung der dazugehörenden Konflikte und Spannungen werden uns sämtlich von den Medienanstalten frei Haus geliefert. Eigenes Denken, gar Mitmenschlichkeit, sind nicht mehr en vogue. Gefällig läßt sich der moderne Mensch in sein bequemes Sofa sinken und verfällt dank Linda de Mol und „Big Brother“ wieder in seine, diesmal wirklich selbstverschuldete Unmündigkeit.

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