Preußischblaues Zepter

Die Übernahme der Königlichen Porzellanmanufaktur (KPM) durch Franz Wilhelm Prinz von Preußen war eine vorweihnachtliche Überraschung. Das marode Unternehmen wird privat und königlich. Für eine unbekannte „einstellige Millionensumme“ gab der rot-rote Senat dem kaiserlichen und königlichen Urenkel den Zuschlag. Andere Bieter wie die Hoechster Porzellanmanufaktur und der Markenartikelexperte Helmut von Maltzahn hatten das Nachsehen. An der Finanzierung ist die Allgemeine Beamtenkasse maßgeblich beteiligt. KPM ist der älteste Gewerbebetrieb Berlins. 1751 kam der Berliner Wollmanufakteur Wilhelm Caspar Wegely auf unbekannten Wegen hinter das Rezept zur Porzellanherstellung, mußte aber wegen der bald darauf ausbrechenden Schlesischen Kriege aufgeben. Friedrich der Große erwarb dann 1763 die Porzellanmanufaktur von dem ebenfalls bankrotten Kaufmann Ernst Gotzkowsky. Damit beginnt ihre Privilegierung und offizielle Geschichte mit dem Markenzeichen eines preußischblauen Zepters auf dem rückwärtigen Boden jedes Stückes. Es war ein Neuanfang nach den verheerenden Schlesischen Kriegen, bei dem der König sich zwar nicht als Unternehmer, wohl aber als Investor erfolgreich engagierte. Preußen, so das merkantilistische Ziel, wurde von teuren Porzellanimporten unabhängig. Importe wurden hoch besteuert. KPM hatte ein Verkaufs- und Produktionsmonopol mit über 50 Betrieben in ganz Preußen, um den Bedarf im ganzen Land zu decken. Das Geld blieb so im Lande. Es wurde damals vor allem Gebrauchsgeschirr in Form von „Gesundheitsgeschirr“ ohne Bleiglasur für den bürgerlichen Bedarf produziert. Welche Sonderstellung KPM in Preußen einnahm und was für eine sensible politische Angelegenheit Porzellan war, dessen Herstellung strengster Geheimhaltung unterlag, läßt sich an der bis zu den Stein-Hardenberg‘ schen Reformen ab 1808 bestehenden Sondergerichtsbarkeit ablesen. Die Arbeiter und „Beamten“ des Betriebes waren einem besonderen Fabrikgericht in erster Instanz unterworfen. Erst im Appellationsfall wurde die ordentliche Gerichtsbarkeit zuständig. Wie „kriegswichtig“ KPM in jener Zeit war, belegt die Produktion von Isolierglocken für die preußische Telegraphie, die ab 1852 das territorial zerrissene Preußen verband. Das Unternehmen stand so für die Elektrifizierung des Landes Pate. KPM gehörte bis 1918 der preußischen Krone und hat sich bis heute neben der Meißener Manufaktur als Produktionsstätte hochwertiger deutscher Porzellanprodukte der Luxusklasse weltweit einen Namen gemacht. Nach dem Ende der Monarchie ging das Unternehmen auf den Staat Preußen über und hieß bis 1988 „Staatliche Porzellanmanufaktur“. Unter Kennern hielt sich weiterhin der Name KPM. Die Wechselfälle der preußisch-deutschen Geschichte überstand die exklusive Marke wegen der kontinuierlichen internationalen Nachfrage. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges ist allerdings die kostbare Modellsammlung verschollen. 1943 wurde die verbliebene Berliner Produktionsstätte ausgebombt und nach Selb in Bayern verlegt. 1946/47 begann der Neuanfang in Berlin. Das Land Berlin wurde als ein Rechtsnachfolger des Preußischen Staates neuer Eigentümer. In den Wirtschaftswunderjahren wurde Berliner Porzellan zum repräsentativen Aushängeschild der geteilten Hauptstadt und zum echten hochwertigen preußischen Souvenir. Kein ausländischer Staatsgast in West-Berlin, der nicht mindestens eines der edlen Porzellane mit nach Hause nehmen durfte. Schlagzeilen machte 1981 eine deutsch-deutsche Transaktion. Der West-Berliner Senat tauschte mit der DDR die im Westen gelagerten Schinkelfiguren der Schloßbrücke gegen das KPM-Archiv. Solche Erfolge wirkten sich jedoch nicht auf den Absatz aus. Wie in allen Staatsbetrieben erlahmte nach und nach der innovative Unternehmergeist und machte einer ideenfeindlichen Routine Platz. Immer mehr Porzellan wurde an der Nachfrage vorbei „auf Halde“ produziert. Die Schulden wuchsen, und das Land Berlin in Form der landeseignen Investitionsbank Berlin suchte seit zwei Jahren für den subventionierten Betrieb einen Käufer. Lange war die Weiterführung von KPM unklar. Daß die Übernahme durch einen Hohenzollern keine Grille eines adligen Porzellanliebhabers ist, zeigt die Vita des 61jährigen neuen Eigentümers, der schon immer unbescholtener Unternehmer war und nun seinen Wohnsitz von Madrid nach Berlin verlegt. Obwohl der Prinz die Übernahme als „Herzensangelegenheit“ bezeichnet, macht er sich keine Illusionen. Die Marktsituation sei „düster“. Er erhofft sich durch verstärkte Exportanstrengungen die Konsolidierung des Unternehmens. Eine Verkaufsagentur eröffnete im November in Taipeh, im Januar eine weitere in Tokio. Im Visier sind auch kaufkräftige Kunden in Rußland und in Dubai. Rußlands Adel war schon einmal Hauptabnehmer ganzer Serien von Porzellan aus Berlin – eine Tradition, die der neue Geldadel dort womöglich neu begründet: Warum soll KPM nicht gelingen, was dem Juwelier und ehemaligen Lieferanten des Zarenhofs Fabergé aus Paris gelungen ist? Neben den neureichen Russen und „altreichen“ Arabern gönnen sich natürlich auch deutsche und europäische Kunden den Luxus von exklusivem Porzellan. Es gibt sie noch, die Käufer mit dem etwas größeren Geldbeutel, und in dem Maße, wie sich in Berlin wieder eine „Gesellschaft“ reetabliert, wird komfortables Geschirr wieder zum Aushängeschild eines gehobenen Haushalts. Allzuviel Experimentelles sollte KPM der wertkonservativen Kundschaft nicht zumuten. Warum auch, wenn es so zeitlos schöne Service gibt wie „Kurland“ oder „Arkadia“! Angaben zum künftigen Sortiment bleiben vage: „Vielleicht kommen neue Produkte hinzu, vielleicht werden ältere Reihen wieder hergestellt. Wir müssen sehen, was gefällt“, so der Prinz. Sehen, was gefällt, das ist ein Hinweis auf eine neue Marktorientierung. Weil es für edles Porzellan immer einen Markt gibt, sind die Hoffnungen von Belegschaft und Eigentümer nicht realitätsfremd. Das Haus Hohenzollern zeigt einmal mehr seine Verbundenheit mit Berlin und auch, daß Adel sich idealerweise nicht über Boulevardschlagzeilen, sondern Verantwortung definiert. Foto: KPM-„Kurland-Schale“: Wertkonservtaive Kundschaft Informationen: KPM Berlin, Wegelystr.1, 10623 Berlin. E-Post: info@kpm-berlin.de , Internet: www.kpm.de

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