Kein Märchen: „We are British!“

Wer letzte Woche das Vergnügen hatte, im bundesdeutschen Bildungskino einen lehrreichen Abend zwischen „Sky High – Diese Highschool hebt ab“ und „Der kleine Eisbär 2“ zu verbringen, dem wird nicht entgangen sein, daß der britische Filmemacher Terry Gilliam sich des bedeutendsten modernen Werkes der deutschen Sagenwelt bemächtigt hat: „Brothers Grimm“! Hier erfährt der mit „Bibi Blocksberg“ und „Benjamin Blümchen“ aufgewachsene deutsche Zuschauer, was es mit den beiden Superstars „Will“ und „Jake“ wirklich auf sich hatte. Ganz dunkel möge der eine oder andere sich vielleicht entsinnen, sie wären Heroen auf dem Gebiet der Sprachforschung gewesen, die in unermüdlicher Fleißarbeit den reichhaltigen, mündlich überlieferten deutschen Sagenschatz bargen und unter dem Titel „Kinder- und Hausmärchen“ insgesamt 228 Erzählungen veröffentlichten, deren Originale heute zum Weltdokumentenerbe zählen. Aber nein, solche Gedanken sind hier deplaziert. Die deutschen Brüder Jacob und Wilhelm Grimm waren, so läßt uns der Film wissen, zwei ganz gewöhnliche, stümperhafte Betrüger in Karlsruhe zur Zeit der napoleonischen Besatzung um das Jahr 1800. Die beiden Gauner sind – und das ist cineastisch-historische Tatsache – ausgestattet mit mäßig Witz und Verstand, aber dafür gesegnet mit schier unerschöpflichem Einfallsreichtum, wenn es darum geht, der in mittelalterlichen Dorfgemeinschaften lebenden und dem Aberglaube verfallenen dummdeutschen Landbevölkerung ein Schnippchen zu schlagen. So zogen sie einst durch die Lande, logen und betrogen, was das Zeug hielt. Auch unsere wirren Jugenderinnerungen an diverse Geschichten über Hänsel & Gretel und die Brotkrümel-Gang müssen nun revidiert werden: Rapunzel nämlich war in Wahrheit eine gemeine Hexe in einem Turm, die so tat, als sei sie Dornröschen, das sich von zehn kleinen Schneewittchens ewige Jugend versprach. Der böse Wolf wiederum hatte nicht etwa mit Rotkäppchen, sondern mit dem Froschkönig ein Verhältnis. Die wirklichen Helden zu jener Zeit – als offensichtlich vollkommen verblödete, grausame Franzosen in das damals wie heute rückständige Germanien einfielen – waren The Brothers Will and Jake Grimm. Unterdessen bemühten sich die Franzosen, mit hündisch ergebenen, feigen und sich immer auf die Seite der Sieger schlagenden Italienern das Empire zu schwächen. Teure Spezialeffekte für wirre, inhaltsleere „Actings“ Als Wilhelm und Jacob erkannten, daß sie gar keine Deutschen waren, nannten sie sich von nun an Will and Jake, wurden von Betrügern zu Briten und kämpften unbeirrt und unermüdlich gegen das Böse – Hexen und Franzosen. Selbstverständlich waren ihrer Mission am Ende Erfolg, Ruhm und eine hübsche Frau beschieden. Terry Gilliam ist mit Matt Damon (Will) und Heath Ledger (Jake) in den Hauptrollen seines „Meisterwerkes“ wieder einmal der Beweis geglückt, daß das wilde Germanistan immer noch an Weihnachtsmann und Froschkönig glaubt, das Buch „Italienische Heldensagen“ wahrhaftig zu den dünnsten der Welt gehört und man die Gastfreundschaft des Frösche und – möglicherweise – auch Kinder fressenden Franzmannes nur im Zuge einer Invasion in Anspruch nehmen sollte. Unterstellen wir dem Macher von „Monty Python“, daß er seinen schwarzen britischen Humor auch bei „Brothers Grimm“ walten ließ, kann man davon absehen, die Handlung seines Filmes als konstruierten Schwachsinn zu schmähen. Könnten wir annehmen, daß das Drehbuch noch eine Handlung hinter der Handlung hat, die unterbewußt ihre Botschaft dem Unwissenden vermittelt, den Wissenden jedoch schmunzeln läßt – dem Regisseur wären Lob und Anerkennung gewiß. Naheliegender ist allerdings, daß die Hollywood-Produktion nichts weiter als ein buntes Bühnenbild für anspruchslose Kinobesucher zimmerte, welches mit teuren Spezialeffekten das Publikum über inhaltsleere, wirre „Actings“ hinwegzutäuschen versucht. Die Frechheit, selbst in deutschen Lichtspielhäusern die Gebrüder Grimm nicht beim wirklichen Namen zu nennen, hätte es bei den im Film übel durch den Kakao gezogenen Franzosen nicht gegeben. Wir Deutsche können nur glücklich sein, daß uns die Analogie von den Betrügern Grimm zu einem gewissen Hans Grimm, der auch ein „typisch deutsches“ Märchen vom „Volk ohne Raum“ verfaßte, erspart geblieben ist. Überlassen wir also lieber den Briten unsere Märchen- und Sagenwelt. Mozart war schließlich auch ein Österreicher und Händel Angelsachse. Foto: Will Grimm (Matt Damon) bei der Rettung eines Mädchens: Wer aber rettet die Brüder Grimm?

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