Alte Hüte und neue Schnäppchen

D en Deutschen wird immer wieder vorgeworfen, ein Volk von Nörglern, Zweiflern und Quenglern zu sein. Bei diesem Jahresrückblick ist das anders. Die JF zeigt, wo Deutschland noch Spitze ist, welche herausragenden Leistungen wir vollbracht haben und mit was für grandiosen Persönlichkeiten wir aufwarten können. Schließlich haben wir auch im Jahr 2005 wieder allerhand Denkwürdiges getan – oder wenigstens erlebt.

2005 war das ereignisreichste Jahr in der Politik seit langem. Viele Wahlen haben für eine Vielzahl von bemerkenswerten Augenblicken gesorgt. Die lustigste Politikerin des Jahres war sicher Heide Simonis. Gerne trägt die Sozialdemokratin ihr Herz auf der Zunge, wie sie selbst schon einmal kundtat. Doch trotz ihrer Vorliebe für seltsame Hüte galt die Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein lange Zeit als beliebt. Sie durfte regelmäßig bei Sabine Christiansen und Maybritt Illner ihre Weisheiten zum besten geben, es gab wohl kein Thema, über das die resolute Dame nicht Bescheid wußte. Deshalb hätte sie die Wahl in ihrem Bundesland auch fast gewonnen. Spitzenmäßig war die Anzahl der Wahlgänge für das Amt der Ministerpräsidentin. Viermal trat sie an. Gewählt wurde sie nie. So oft wie die rote Heide hat es vorher noch niemanden gebeutelt. Da mußte sie den sprichwörtlichen Hut nehmen. Genug davon hat sie ja.

Und noch eine Spitzenleistung gibt es in der Politik. Gerhard Schröder liebt seine Doris, das wissen wir seit dem Kandidatenduell mit Angela Merkel. Mit Doris hatten wir eine First Lady, die nicht nur für Gerd Bier einkaufte und die Kehrwoche während seiner Auslandsreisen machte, sondern auch gerne putzige Kommentare zu allen möglichen Politikthemen abgab. Schließlich ist sie ja gelernte Journalistin, was ihre An- beziehungsweise Rückfälligkeit hierfür einigermaßen erklärlich macht.

Nach der Bundestagswahl hat sich nun alles geändert. Jetzt haben wir einen Kanzlergatten. Und der ist sogar ein richtiger Professor für Chemie. Mal sehen, wie Joachim Sauer mit seiner neuen Rolle umgeht. Beim Damenprogramm besuchen Frauen Kindergärten, besichtigen Museen oder streicheln Tiere. Aber was wird mit dem Kanzlergatten gemacht? Darf er zu einer Braue-reibesichtigung, oder muß er sich ein Autorennen anschauen? Oder geht er mit Veronica Berlusconi Eis essen? Auf jeden Fall zeigt sich eines: Bei der Emanzipation sind wir ganz weit vorne!

Bei den internationalen Spitzenämtern hatten wir lange Zeit nicht viel zu bieten. Ein gelernter Taxifahrer als Außenminister und unser Brioni-Kanzler taten alles, um uns im Ausland nach allen Regeln der Kunst zu blamieren. Da war es auch kein Wunder, daß man uns nicht in den Weltsicherheitsrat ließ.

Gott sei Dank mußten wir uns nicht auf die Politik verlassen. Nachdem Johannes Paul II. starb, gab es eine positive Überraschung. Der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger gewann nach nur wenigen Tagen die Papstwahl mit einem sensationellen Ergebnis. "Wir sind Papst", jubelte Bild. Endlich durften wir mal wieder ein internationales Hochamt mit einem qualifizierten Kandidaten besetzen. Das ehemalige Auto von Benedikt XVI. wurde für über 180.000 Euro versteigert, und sogar das Teeniemagazin Bravo brachte ein Riesenposter vom deutschen Papst. Mit Ratzinger haben wir also einen absoluten Superstar. Amen!

Schni-Schna-Schnappi – der Knaller des Jahres

Ungeschlagen sind wir auch bei den ökonomischen Rahmendaten. Das Jahr 2005 war das Jahr, in dem die Arbeitslosigkeit in Deutschland über fünf Millionen stieg. Nimmt man die zwei Millionen Sozialhilfeempfänger dazu, leben in Deutschland mehr Menschen vom Staat, als die Schweiz Einwohner hat. Damit sind wir innerhalb der Europäischen Union ganz vorne. Ähnliches gilt für die Staatsquote, die Schulden und das Haushaltsloch. Das sind fraglos alles Spitzenplätze, allerdings sehr traurige.

Besonderes zu vermelden gab es auch im Bereich Kultur. Wer wirklich wissen will, wie es um die intellektuelle Substanz des deutschen Volkes bestellt ist, der muß sich nur einmal die Charts des vergangenen Jahres anschauen.

Nomen ist nicht immer Omen, wie die neunjährige Joy deutlich zeigte. Bis zum Abwinken durften wir uns Schni-Schna-Schnappi anhören, das nicht nur in den Kinderzimmern, sondern auch in den Hitparaden Furore machte. Wochenlang stand das Lied auf dem ersten Platz. Der Text: "Ich bin Schnappi, das kleine Krokodil, ich schnappe gern, das ist mein Lieblingsspiel / Ich schleich mich an die Mama ran und zeig ihr, wie ich schnappen kann." Könnte es sein, daß das Lied ein Hit geworden ist, weil unser geistig wie materiell verarmtes Volk inzwischen komplett zum Schnäppchenjäger mutiert ist?

Foto: Deutsche Wahlen 2005: Habemus Papam und neuer Bundestag

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