Spitzmädchen

Das Volk der Dichter und Denker denkt immer schlichter. Dieses Manko meint man zunehmend auszugleichen durch Sprachneuerungen: Die Schwimmhalle heißt eben heute nicht mehr Schwimmhalle, sondern „Wasserparadies“, die Müllkippe heißt „Entsorgungspark“, und eine wirtschaftliche Pleite nennen wir „Minuswachstum.“ Den Vogel hat allerdings die nordrhein-westfälische Umweltministerin Bärbel Höhn abgeschossen. In einer Talkshow im WDR über das Beamtenwesen sprach die Grüne aus Versehen von einer „Milchmädchenrechnung“, korrigierte sich dann aber sofort, das dürfe man jetzt nicht mehr sagen. Sonst müsse man gleichberechtigt auch von einer „Milchbubenrechnung“ sprechen. (Für die Grünen gehören derartige sprachliche Unterscheidungen zu den Zentralproblemen unserer Gesellschaft. Dementsprechend sieht sie ja auch aus.) Wenn schon, denn schon. Dann darf in Zukunft im Gegenzug nicht mehr nur von „Spitzbuben“ gesprochen werden, sondern auch von Spitzmädchen. Gut, bei „Spitzmädchen“ könnten gewisse Mißverständnisse aufkommen, aber das ist hinzunehmen. Und wie wär’s statt des Lift-Boys mit einem „Lift-Girl“? Woran denken Sie dabei? Der Verfall von Sprache, Geist und Gesellschaft geht Hand in Hand. Aber ich ergebe mich nicht kampflos. Ich jedenfalls möchte nicht als „Milchbube“ bezeichnet werden. Und wenn Frau Höhn kein „Milchmädchen“ sein will, ein „Spitzmädchen“ ist sie auch nicht gerade. Spekulationen, ob Frau Höhn ein „Lift-Girl“ ist oder ob es langsam Zeit dafür würde, können besser unterbleiben.

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